Passend zur Buchmesse veröffentlicht Adi Hütter einen Ratgeber zum Thema „Teamgeist“. Am Freitagabend nahmen seine Mannen den Praxistest vorweg.

Der Prolog des ersten Spieltags war keine zehn Minuten jung, Eintracht Frankfurt führte 1:0 gegen Bayer 04 Leverkusen und die imaginäre Heimtabelle an, da vollzog auf dem Rasen eine schlichte Positionsrotation, die aber viel über das Selbstverständnis der Adlerträger aussagt. Die Hausherren hatten sich erfolgreich einer Ecke erwehrt, Filip Kostic war aus seiner Lauerstellung heraus zum Konter durchgestartet, erreichte die Kugel aber nicht. Also Ballbesitz Bayer, immerhin der in dieser Saison der Bundesligist mit den höchsten Spielanteilen und auch in der Commerzbank-Arena knapp zwei Drittel der Spielzeit am Ball, Linksverteidiger Kostic isoliert auf dem rechten Seitenstreifen. Noch ehe die Gäste überhaupt dessen vermeintlich verwaisten Posten zu bespielen vermochten, hatte Goncalo Paciencia den linken Part der Fünfer- respektive Dreierkette eingenommen. Der nach seinen Pflichtspieltoren sieben und acht und gleichzeitig dem schnellsten Doppelpack seit Albert Streit 2006 treffsicherste Adlerträger übernahm die Abwehraufgaben des mit je elf Treffern und Vorlagen Topscorers 2019 – Symbolsprache in Vollendung.

Generell verlief der erste Abschnitt des ersten Durchgangs mehr oder weniger wie, nun ja, aus dem Lehrbuch. Während Bayer-Trainer Peter Bosz „unsere ersten 20 Minuten einfach nur schlecht“ bewertete, setzte Pendant Hütter noch fünf Zeigerumdrehungen drauf und lobte: „Die Grundlage haben wir in den ersten 25 Minuten gelegt, als wir Bayer den Schneid abgekauft und auch guten Fußball gespielt haben.“ Im Vorfeld der Begegnung mit der Werkself, die über Nacht die Tabellenführung hätte übernehmen können, hatte der Österreicher mit Blick auf die Hinrunde 2018/19 von „unserem besten Heimspiel“ gesprochen. Dieser Bezeichnung hatte es nach der Darbietung vor über 50.000 Besuchern nicht nochmal bedurft.

Wenn privates und berufliches Glück verschmelzen

Der frenetische Eintracht-Anhang konnte sich schon – Bas Dosts Grätsche zum 3:0 sei Dank – voller Beruhigung und Euphorie ganz ihrem Mann des Abends widmen: Frederik Rönnow. Über ein Jahr gefühlsmäßig durch die Fußballhölle gegangen schwebte der dänische Nationaltorwart buchstäblich über Nacht auf Wolke Sieben. „Es ist ein sehr emotionaler Tag für mich, weil mein Baby gestern morgen um sechs Uhr geboren wurde und ich sehr wenig geschlafen habe“, verriet der frischgebackene Vater mit leicht wässrigen Augen, der sich mit ordentlichem Schlafdefizit mit zehn abgewehrten Schüssen zu einem neuen ligaweiten Saisonrekord parierte. Insbesondere gegen Lucas Alario bewies der 27-Jährige mehrfach, weshalb er im Sommer 2018 mit dem Ruf als bester Torwart im Eins-gegen-eins-Duell der dänischen Superligaen dem Lockruf des Adlers gefolgt war. Dass er gleichzeitig erstmals seinem dreimaligen Vorgänger Lukas Hradecky in Deutschland gegenüberstand, machte das Märchen perfekt. Der Pokalheld war trotz dreier Gegentreffer bei der höchsten Leverkusener Niederlage im Stadtwald seit 1982 noch einer der wenigen Lichtblicke und vergaß trotz gehörig Schaum vorm Mund nicht, seinem Gegenüber Respekt zu zollen: „Frederik Rönnow hat bewiesen, dass er ein starker Torwart ist. Ich freue mich für ihn, er ist ein super Typ.“

Aber freilich nicht der einzige Musterschüler des Fußballlehrer Adi Hütter, der in den vergangenen zwei Wochen mitsamt den Athletiktrainern etwa dem zuvor etwas instabil wirkenden Dost zu beinahe maximaler Spielfitness führte, sodass der Niederländer den kurzfristigen Ausfall von André Silva, zuvor immer 90 Minuten im Einsatz, kompensieren konnte. Zum einen konnte der Sturmtank die schnurgeraden Abschläge Rönnows behaupten, zum anderen glänzte die Torbestie sogar noch öfter als Zuspieler denn Empfänger. Dass er am Ende sogar seiner Hauptaufgabe nachkam, war letztlich das i-Tüpfelchen. Auch wenn Gelson Fernandes meinte: „Hätten wir das dritte Tor früher gemacht, hätten wir etwas einfacher gehabt, weil Leverkusen in der zweiten Halbzeit viel Druck gemacht hat. Es war viel Tempo im Spiel, dazu gehören immer zwei Mannschaften. Der Sieg heute gibt uns mit Blick auf die nächsten schwierigen Wochen ganz viel Selbstvertrauen.“ Auf dass der Erfolgsgeschichte viele weitere Kapitel folgen mögen.

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