Straßburg gilt gemeinhin als Hauptstadt Europas. Strasbourg agiert ähnlich: Zweckmäßig und zielbewusst.

Ausgangssituation

Die Entwicklung gleicht einem Märchen. 2011 aufgrund nicht erfüllter finanzieller Auflagen in die CFA2 strafversetzt, folgte im selben Spieljahr der erste Aufstieg sowie 2013 der Durchmarsch in die dritte Liga, ehe ihnen 2016 die Rückkehr in die Ligue 2 und 2017 in die Ligue 1 gelang. In der Vorsaison behaupteten sich die Elsässer als Tabellenelfter mehr als wacker und meldeten sich mit dem Ligapokalsieg endgültig im französischen Fußball zurück. Im Finale des Coupe de la Ligue setzten sich die Emporkömmlinge im Elfmeterschießen gegen EA Guingamp durch (4:1). Der dritte Erfolg im Ligapokal war zugleich der erste Titel seit 14 Jahren und damit eine vorläufige Krönung, seit der frühere Spieler und spätere Generaldirektor Marc Keller 2011 die Präsidentschaft übernommen hatte. Nur Paris Saint-Germain hat den Ligapokal öfter gewonnen (acht Mal).

Überhaupt Paris. So sehr der amtierende Meister mit 16 Punkten Vorsprung auch den französischen Fußball beherrscht, mit Racing hatte er seine liebe Mühe. So war Strasbourg der einzige Ligakonkurrent, gegen den die Hauptstädter nicht gewinnen konnten (1:1, 2:2). Noch in der vorangegangenen Saison schockte Strasbourg den Favoriten mit 2:1. Im Dezember 2017 auf der Gegenseite: Kevin Trapp.

Dem Nationaltorhüter ist die prickelnde Atmosphäre im Stade de la Meinau somit schon bekannt. 2011 sorgte die Spielstätte sogar für einen Zuschauerrekord, als gegen Illzach Modenheim 9.813 Besucher kamen – in der fünften Liga! Insofern hat sich an den Gegebenheiten am Rhein wenig geändert. Nur die Bühne ist mittlerweile wieder eine andere. Und insbesondere im gemeinhin als Hauptstadt Europas – Europarat, Europaparlament, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Europäischer Bürgerbeauftragter und Eurokorps sitzen hier – betitelten Straßburg schwer einzunehmen. Denn 26 Heimspiele hat Racing Strasbourg in UEFA-Wettbewerben ausgetragen, davon nur ein einziges verloren: Am 17. Oktober 1995 siegte der große AC Mailand im Hinspiel des Sechzehntelfinals des UEFA-Cups mit 1:0 im Stade de la Meinau. Ein Resultat, mit dem sich Frankfurt sicher anfreunden würde.

Formkurve

Die mit dem Ligapokalgewinn einhergehende Berechtigung für die Qualifikation zur UEFA Europa League nahmen die Straßburger vergleichbar ernst wie die Eintracht. Zumal es für die Blauen die erste Europapokalsaison seit der Spielzeit 2005/06 darstellt. Damals kamen die Franzosen bis ins Achtelfinale des UEFA-Cups, in dem gegen den FC Basel Schluss war (0:2, 2:2). Der größte internationale Erfolg des Klubs war das Erreichen des Viertelfinals im Europapokal der Landesmeister 1979/80 gegen Ajax Amsterdam.

Eng verliefen die ersten beiden Qualifikationsrunden. Maccabi Haifa (3:1, 1:2) und Lokomotiv Plovdiv (1:0, 1:1) mussten sich jeweils knapp geschlagen geben, ebenso zuletzt die Eintracht, obwohl in der ersten Halbzeit jedes Team jeweils nur zu einem Torschuss kam... Was aber wie gesehen nicht zwangsläufig etwas heißen muss. Bereits in der Vorsaison gab Strasbourg im Schnitt nur 10,6 Torschüsse pro Spiel ab, wovon aber fast jeder fünfte (18,7 Prozent) im Netz zappelte. Am Ende 58 Treffer waren immer noch die sechstmeisten der Ligue 1, nur PSG hatte eine besser Chancenverwertung (23,1 Prozent).

Trainer

Der Vater der Effizienz ist seit 2016 Thierry Laurey. Der Cheftrainer übernahm das Amt vor drei Jahren von Jacky Duguépéroux, der mit Racing gerade die Rückkehr in die Ligue 2 geschafft hatte, aus Altersgründen aber seinen Posten räumte. Laurey führte die Arbeit fort und vollendete mit Strasbourg den Durchmarsch in die Ligue 1, in der er die Elsässer aktuell wieder etabliert. Kurios: Schon mit Ajaccio schaffte er zwischen 2013 und 2015 den Durchmarsch von der dritten in die erste Liga, konnte den Klub aber nicht im Oberhaus halten.

Nachdem er von 1986 bis 1991 bei sechs verschiedenen Vereinen unter Vertrag gestanden hatte (darunter Olympique Marseille und Paris Saint-Germain), wechselte Laurey im Sommer 1991 zu Montpellier und verbrachte seine letzten sieben Jahre als Spieler an der Südküste Frankreichs.

Als Spieler bestritt Thierry Laurey ein Länderspiel für Frankreich. Im März 1989 kassierte er mit der Equipe Tricolore unter Trainer Michel Platini in der WM-Qualifikation in Schottland eine 0:2-Niederlage und stand dabei 90 Minuten auf dem Platz.

Taktiktafel

In der frühen Saisonphase ordnete Thierry Laurey seine Mannen überwiegend im 5-3-2 an. Eine buchstäblich zentrale Rolle nimmt dabei Stefan Mitrovic ein. Der Innenverteidiger ist hiesigen Fußballfans noch aus seiner Zeit beim SC Freiburg bekannt und erhielt nach seiner Ankunft 2018 prompt die Kapitänsbinde. Beim 1:0-Sieg in Plovdiv köpfte der 29-Jährige sogar den Siegtreffer. Das auf großflächige Kompaktheit ausgelegte Gesamtkonstrukt ist bei Ballgewinn auf schnelle Vorstöße über die Außen beziehungsweise lange Bälle ausgelegt. Die Erfolgswahrscheinlichkeit beider Varianten steht und fällt mit Sturmtank Ludovic Ajorque.

Spieler im Fokus: Ludovic Ajorque

Der 1,97-Meter-Hüne war bereits 2018/19 Toptorschütze seines Teams. Er erzielte wie auch Sturmpartner Lebo Mothiba elf Pflichtspieltore, neun in der Liga, davon ein Drittel per Kopf. Auch im neuen Spieljahr hält die Torlaune an. In der zweiten Qualifikationsrunde traf Ajorque sowohl im Hin-, als auch im Rückspiel gegen Maccabi Haifa. Beim 3:1 in Straßburg im Hinspiel verwandelte der Mittelstürmer einen Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich und erzielte somit das erste Europapokaltor der Elsässer seit März 2006.

Im Rückspiel brachte Ajorque seine Mannschaft in Haifa schon früh mit 1:0 in Führung. Die Israelis drehten die Partie zwar noch vor dem Seitenwechsel, dank des 3:1-Sieges im Hinspiel reichte es für Strasbourg dennoch zum Weiterkommen. Ferner steht für den in Saint-Denis geborenen Ajorque eine Nominierung für die Nationalmannschaft Madagaskars im Raum.

Für Aufsehen sorgte der 25-Jährige am 9. März 2019, als er beim 2:2 gegen Olympique Lyon innerhalb von 109 Sekunden zwei Tore erzielte und damit den schnellsten Doppelpack der vergangenen Saison schnürte.

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