Die Legende schwärmt von den zurückliegenden Jahren, lobt die neue Ruhe im Umfeld, sieht sich in seinen Prognosen bestätigt und denkt nicht ans Aufhören.

Karl-Heinz, wie hast du den Jahresauftaktsieg gegen Hoffenheim wahrgenommen?
Ich bin glücklich, dass sich meine vorherigen Eindrücke, die ich bereits während der acht Tagen in Florida sammeln konnte, bestätigt haben. Am meisten freut mich die Geschichte mit Chandler, den keiner auf der Rechnung hatte. Timmy hat super trainiert, auch abgenommen, ist nach seiner Verletzung wieder spritzig – und erzielt dann prompt das Siegtor. Auch Adi Hütter ist zuletzt noch intensiver auf die Mannschaft eingegangen und hat es geschafft, die Köpfe freizubekommen. Ich war während des Spiels noch nie so nervös, weil ich nicht wusste, ob ich mich mit meinen Prognosen zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Am Ende ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.

Kannst du die Bedeutung der drei Punkte einschätzen?
Wie bei allen Mannschaften war im Vorfeld eine gewisse Anspannung zu spüren. Auch wenn die Vorbereitung gut lief, weiß am Ende doch niemand, wo man steht. Würde sich die Sieglosserie fortsetzen, würde das Team die Situation annehmen? Es war ein Stück weit Überzeugungsarbeit nötig, was gelungen ist. Es war deutlich zu spüren, dass die Spieler über einen längeren Zeitpunkt unter sich sein und miteinander reden konnten. Mehr noch als das Ergebnis hat mir die Art und Weise gefallen. Speziell die ersten 30, 35 Minuten haben wir wieder die Eintracht gesehen, wie sie über weite Teile des Vorjahres aufgetreten ist. Mit Kevin Trapp und Bas Dost sind zwei weitere wichtige Bausteine zurück. Kevin verleiht der Mannschaft allein durch sein Auftreten zusätzliche Sicherheit und Bas wirkt wesentlich spritziger als vor der Winterpause.

Was stimmt dich zuversichtlich, dass es so weitergeht?
Die Aussagen von der Mannschaft, die wieder nach mehr strebt, das hat sich in der Vergangenheit etwas verhaltener angehört. Das Spiel gegen Leipzig ist für alle eine super Aufgabe. Gegen diesen Gegner haben wir meistens gut ausgehen. Wir haben Respekt, sind aber auch in der Lage, Leipzig zu schlagen. Die Spieler sind nicht nur spritziger, sondern auch geistig fitter. Dazu kommt die Rückkehr des nötigen Glücks. In der Hinrunde hätten nach Ausgleichstreffer gegen Hoffenheim wahrscheinlich noch verloren. Doch wir haben dagegengehalten und zurückgeschlagen. Aber natürlich müssen wir gegen Leipzig wieder schlau spielen. Jeder weiß, wie schnell diese Mannschaft ist. Deshalb dürfen wir nicht kopflos anrennen und darauf achten, mit Bedacht keine Räume gewähren. Wir brauchen unsere Tugenden, Zweikämpfe, Spielfreude und die Fans.

Worin liegen die Stärken und Schwächen des Herbstmeisters?
Zum einen haben sie einen super Trainer. Julian Nagelsmanns Arbeit fängt an zu greifen, er spricht die Sprache der Spieler, ist jung und motivierend. Dazu kommt natürlich, dass er über eine hervorragende Mannschaft verfügt. Aber ich habe gegen Union Berlin auch Schwächen erkannt, gerade in der Abwehr. Wir müssen unsere Stärken bestätigen. Allein, wenn ich einen Filip Kostic sehe, welche Sprints er angezogen und wie er zwei Mal die Latte getroffen hat. Auch die neue Lockerheit, beispielhaft bei Bas Dost, kommt nicht von ungefähr, sondern basiert auf harter Arbeit.

Wie blickst du als Urgestein den Zukunftsplänen deines Herzensverein entgegen?
Normalerweise müsste ich im August aufhören, weil ich meinen Rentenbescheid kriege… (lacht). Aber Spaß beiseite. Ich habe noch viele Aufgaben zu bewältigen, ob das die Traditionsmannschaft betrifft oder die Weiterentwicklung der Fußballschule, die nächstes Jahr 20 Jahre alt wird. Ich habe solch ein tolles Team um mich, da wäre ich doch behämmert, jetzt aufzuhören. Allein, wenn ich von den Digitalisierungsplänen höre. Das ProfiCamp ist überfällig, um ein neues Umfeld zu schaffen, das den heutigen Ansprüchen gerecht wird. Einige Mitarbeiter kennen sich gar nicht persönlich. Nicht nur deshalb ist es dem Vorstand wichtig, eine gemeinsame Geschäftsstelle zu errichten, um noch mehr aus der Eintracht-Familie herauskitzeln. Das Wichtigste bleibt aber die Mannschaft. Denn ohne den sportlichen Erfolg würden viele Maßnahmen nicht funktionieren. Das haben wir zweieinhalb Jahre überragend hinbekommen und sogar einige Stufen übersprungen. Umgekehrt ist auch in der zurückliegenden Phase keine Unruhe aufgekommen. Der Verein wirkt stabiler. Eintracht Frankfurt verfügt, wie Axel Hellmann so schön sagt, über eine unglaubliche Strahlkraft. Hätten wir ein solches Publikum früher gehabt, wäre ich wahrscheinlich sieben Mal Deutscher Meister geworden (lacht). Bei jedem Heimspiel bekomme ich Gänsehaut und würde am liebsten die Schuhe aus dem Auto holen. Aber leider reicht es nur noch für die Traditionsmannschaft…

Wäre der Trainerjob nichts mehr für dich gewesen?
Dieses Kapitel habe ich abgeschlossen, auch weil ich mit der Fußballschule und der Traditionsmannschaft bei der Eintracht meine Erfüllung gefunden haben. Tradition ist für mich unglaublich wichtig und muss erhalten bleiben. Ich bin dankbar, mit der neuen Generation Kontakt zu haben und als Ansprechpartner dienen zu dürfen. Immer wieder kommen Spieler – ob früher ein Sebi Jung und Alex Meier oder heute Bas Dost und Filip Kostic – zu mir und möchten wissen, wie ich zu so vielen Spielen gekommen bin. Diese Erfahrungswerte möchte ich weitergeben.


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