40 Prozent der Twitter-Gemeinde wählten den ersten Europapokalauftritt bei Olympique Marseille zum Schlüsselspiel der vergangenen Saison. Aus nachvollziehbaren Gründen.

Die an dramatischen Entwicklungen nicht gerade arme Spielzeit nahm schon am 20. September einen irren Richtungswechsel. Nicht nur während der 90 Minuten, sondern über Monate hinaus. Hätte ein Drehbuchautor einen undenkbaren Wendpunkt erfinden müssen, er hätte wohl genauso ausgesehen.

Rückblende: Die in der Sommerpause umgekrempelte Eintracht steht im Stade Vélodrome nach fast fünf Jahren Abstinenz vor der Rückkehr auf die europäische Bühne. Der Empfang für diesen von Fans und Verein herbeigesehnten Festakt könnte unwürdiger nicht sein. Aufgrund Sanktionen der UEFA musste das erste Gruppenspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Auch wenn der Heimvorteil für die Franzosen damit ebenso hinfällig war wie der unabdingbare Auswärtssupport der Hessen, handelte es sich bei Marseille immer noch um den Finalisten von 2018. Also nicht unbedingt um den dankbarsten Gegner, um einen holprigen Saisonstart kurzfristig korrigieren zu können.

Neues Selbstverständnis

Der frischgebackene DFB-Pokalsieger hatte sich zuvor als Titelverteidiger gleich mal aus der ersten Runde verabschiedet und in der Bundesliga bei einem Sieg und zwei Niederlagen auch nicht die Sterne vom Himmel gespielt.

Und selbst der zwangsläufige Zweckoptimismus sollte rasch verfliegen, nachdem der Gastgeber bereits nach zwei Minuten in Führung ging. Im Anschluss konnten sich die Adler unter anderem bei Kevin Trapp bedanken, nicht höher in Rückstand geraten zu sein. Nach einer überschaubaren ersten Halbzeit dann der Beginn einer emotionalen Achterbahnfahrt: In der 52. Minute köpft Lucas Torró eine Eckballhereingabe von Jonathan de Guzman zum zu diesem Zeitpunkt schmeichelhaften Ausgleich ein, nur sieben Minuten später fliegt Jetro Willems mit Gelb-Rot vom Platz. Einen Punktgewinn hätte zu diesem Zeitpunkt alle unterschrieben. Doch irgendwie entwickelte sich bei den Frankfurter Jungs im weiteren Spielverlauf ein neues Selbstverständnis, gegen die favorisierten, aber nach der Pause eher laissez-faire auftretenden Franzosen das Maximum anzustreben – bis zum goldenen Schuss von Luka Jovic in der 89. Minute, als der kurz zuvor eingewechselte Serbe mit seinem ersten Europapokaltreffer unnachahmlich zum 2:1 einnetzte.

Seitdem galt für die Entwicklung des Edelknipsers wie alle Frankfurter: Geht nicht gibt’s nicht!

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