Die Eintracht geht mit gemischten Gefühlen in das Wochenende. Nicht oft vermengen sich Freude und Frust, Gewinn- und Verlustempfinden wie nach dem 2:2 gegen die Hertha.

Wenn der Gegner eine 2:0-Führung verspielt und am Ende nicht unzufrieden die Rückreise vom Main an die Spree antritt, ist eigentlich das meiste gesagt. „Wenn du unten drin stehst, nimmst du jeden Punkt gerne mit“, wirkte Jürgen Klinsmann nach dem wechselhaften Auftakt des 14. Spieltags alles andere als unzufrieden. „Heute war es schwer, in diesem Stadion zu bestehen, daher freuen wir uns über den Punkt. Frankfurt war insbesondere in der zweiten Halbzeit ein gerade physisch starker Gegner“, pflichtete Marko Grujic seinen neuen Trainer bei. 45:8 sogenannte gefährliche Angriffe verzeichneten die Statistiker allein nach dem Seitenwechsel. Schon den ersten Durchgang hatten die Hausherren weitgehend kontrolliert, auch wenn der Berliner Innenverteidiger Niklas Stark richtig erkannte: „Ballbesitz ist nicht immer aussagekräftig.“ Und dennoch in den zweiten 45 Minuten zielführend, selbst wenn die Hessen gegen alles andere als sattelfeste Herthaner nicht die größten Kreativlösungen benötigten und ihrem Ruf als Flankenkönige der Liga wieder alle Ehre machten – 22:4 lautete der entsprechende Wert am Ende.

Doppelte Staatsbürger

Schon kurz vor der Pause hatte eine Hereingabe des stürmischen Filip Kostic zum vermeintlichen Ausgleich geführt, ehe Schiedsrichter Christian Dingert auf Hinweis des Videoassistenten das 1:1 durch Daichi Kamada zurücknahm, weil Kostic beim vorangegangenen Ballgewinn wohl zu energisch eingeschritten war. Was beim zweiten verweigerten Treffer, als André Silva Thomas Kraft im Fünfmeterraum leicht touchierte nicht unbedingt der Fall war. Der Portugiese hatte in der ersten Halbzeit mit Landsmann Goncalo Paciencia die Doppelspitze gebildet, im zweiten Durchgang dann etwas hängender agiert, sodass sich quasi jene Doppelzehn ergab, die sich bereits in der Kombination mit Kamada und Gacinovic bewährt hatte. Auch auf der Doppelsechs räumten mit Gelson Fernandes und Djibril Sow zwei Eidgenossen ab, sodass sich vorne wie hinten sozusagen doppelte Staatsbürger ergänzten.

Adi Hütter verteilte bei der Bewertung der Schiedsrichterleistung am Nikolaustag zwar keine Geschenke, ließ aber auch die Rute stecken: „Die entscheidenden Szenen waren wohl alle korrekt.“ Dennoch schien es gerade in Verbindung mit dem vermeintlichen Torfluch – Frankfurt hatte bis gestern seit Januar 2017 nicht mehr gegen die Hauptstädter getroffen – gewissermaßen wie „VAR-hext“. Zumal der Unparteiische auch nach dem 0:2 durch Grujic den Videobeweis bemühte, aber richtigerweise kein Vergehen festgestellt hatte.

Vollstrecker Hinteregger

Dass das Tor nach einem indirekten Freistoß gefallen war, war nicht nur aus Sicht Frederik Rönnows „zu einfach.“ Trotzdem schob der Schlussmann nach und hob hervor, „dass wir nach dem 0:2 nicht aufgegeben haben und zurückgekommen sind.“ Auf die „überragende Mentalität“ (O-Ton Hütter) war einmal mehr genauso Verlass wie die Gefährlichkeit bei ruhenden Bällen. Konkret: 16:1 Eckstöße – nebenbei neuer Bundesligarekord für die Eintracht seit Beginn der detaillierten Datenerhebung 2004 – wovon der achte und letzte das Remis herbeiführten. Und Martin Hinteregger an die Spitze der Torjägerliste von Deutschlands Verteidigern: Sechs Bundesligatreffer sind im Kalenderjahr 2019 unter allen Abwehrkräften unerreicht, fünf Treffer allein in dieser Saison gelangen gar in Europas Top-Fünf-Ligen sonst keinem Defensivspezialisten. Zumal der Österreicher nach Kostics letzter Ecke sogar die Vorlage zum 2:2 durch den nach einer Stunde eingewechselten Sebastian Rode lieferte. Überhaupt diente der Linksfuß als Sinnbild für Unerschütterlichkeit. Symptomatisch wie zwei nebeneinander liegende Bilder: Nach einer halben Stunde vollbrachte der 27-Jährige das Kunststück, einen Einwurf über die Seitenauslinie zu bugsieren, zehn Zeigerumdrehungen vor Schluss setzte derselbe Hinteregger voller Tatendrang zum Seitfallzieher an.

Auch nach Spielschluss war dessen Selbstbewusstsein nicht geschrumpft: „Dieses Spiel müssen wir eigentlich klar gewinnen. Wir hatten viele Chancen, gerade nach Standards und Ecken.“ Disziplinen, welche die Hessen längst als Qualitätsmerkmal begreifen, nun sieben an der Eckfahne initiierte Buden sind Ligaspitze. Erwiesenermaßen fallen im Fußball etwa ein Drittel aller Tore nach Standardsituationen, der Rest hauptsächlich nach Ballverlusten des Gegners. Zu Zeiten des deutschen Kaiserreiches hätte es die heutigen Diskussionen im Übrigen gar nicht erst gegeben, von der technischen Umsetzbarkeit des Videobeweises ganz abgesehen: Weil vor über einem Jahrhundert die englischen Regularien aus dem Mutterland noch nicht in alle Teile des Erdballs genauestens überliefert waren, entschied bei einem Unentschieden nach 90 Minuten die Zahl der Eckbälle…

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