Die Annahme, dass das zweite Jahr nach einem Aufstieg das schwerste sei, haben schon genügend Vereine erfolgreich widerlegt. Hannover 96 nicht. Jetzt sollen zwei frühere Frankfurter helfen.

Situation

Um sich die Lage der Niedersachsen zu vergegenwärtigen, sei ein Vergleich zur Eintracht gestattet. Als die Kontrahenten vor etwas mehr als drei Jahren als Kellerkinder aufeinandergetroffen sind, setzten sich die Hessen knapp mit 1:0 durch. Sieben Spieltage später war Hannover abgestiegen, Frankfurt rettete sich in die Relegation und nahm die bekannte Entwicklung.

Jenen Betriebsunfall reparierten die Roten im Handumdrehen, kehrten 2017 ins Oberhaus zurück und erlebten eine vergleichsweise sorgenfreie Saison 2017/18. Davon kann in dieser Spielzeit keine Rede sein. Der erste Ligasieg gelang am siebten Spieltag, eine Woche zuvor hatten die SGE im Hinspiel den eigenen Turnaround geschafft. Auch in diesem Fall haben sich wieder die Wege getrennt. Gemessen an der imaginären Halbserie bis zum Aufeinandertreffen am Sonntag ereilten die Hausherren weitere elf Pleiten. Drei Siege und 14 Punkte zu diesem Zeitpunkt sind die mickrigste Ausbeute in der Bundesligageschichte des Vereins.

Entsprechend haben die Bosse in der Winterpause auf allen Ebenen Veränderungen vorgenommen. Aus Hoffenheim kam der als Defensivstabilisator vorgesehene Kevin Akpoguma, aus Frankfurt Nicolai Müller, um der lahmenden Offensive Schwung zu verleihen. Ende Januar klammerten sich die Verantwortlichen dann an einen der letzten Strohhalme und ersetzten Trainer André Breitenreiter durch Thomas Doll. Dass der Bundesligakenner seine Spielertätigkeit in Diensten der Eintracht zwischen 1994 und 1996 mit dem Abstieg beschloss, soll eine Randnotiz bleiben.

Die indirekte Frankfurter Förderhilfe trug in der Rückrunde zumindest teilweise Früchte. Nicolai Müller schoss beim 2:0 gegen Mitkonkurrent Nürnberg beide Treffer zum dritten Saisonsieg, ansonsten hatte Doll im Vergleich mit den Champions-League-Aspiranten aus Leipzig und Hoffenheim jeweils mit 0:3 das Nachsehen. Neben den negativen Ergebnissen und Erlebnissen haben die 96er auch mit vielen Verletzten, zu wenigen Lautsprechern auf dem Feld und vergleichsweise leeren Rängen zu kämpfen – das berühmte Henne-Ei-Problem, wo sich der überspringende Funke als erstes entzünden soll.

Formkurve

Insbesondere die vergangene Pleite bei der TSG Hoffenheim erschien im Nachhinein sogar schmeichelhaft und deckte deshalb nicht mal schonungslos die Schwächen des sonntäglichen Gastgebers auf. Zu der offensiven Harmlosigkeit gesellt sich eine defensive Fahrigkeit. 47 Gegentore sind die zweitmeisten in der Liga. Was unweigerlich mit ausbleibenden Basiselementen einhergeht. 44 Prozent gewonnener Zweikämpfe gegen die TSG und im Schnitt über sechs abzuwehrende Torschüsse für Schlussmann Michael Esser (üblich sind etwa die Hälfte) sprechen eine deutliche Sprache.

Trainer

Auch auf diesem Posten finden sich Parallelen zu 2016/17, als nach der Hinrunde Thomas Schaaf den glücklosen Michael Frontzeck beerbte. Diesmal soll kein ehemaliger Frankfurter Trainer, sondern Spieler die Rettung herbeiführen. Den Großteil seiner aktiven Karriere verbrachte der 52-jährige Thomas Doll aber beim Hamburger SV und in Italien, wo er für S.S. Lazio und AS Bari am Ball war. Bei den Hansestädtern unternahm der frühere Nationalspieler auch seine ersten Schritte im Trainerwesen. Von der U19 über die Amateure des HSV landete Doll im Oktober 2004 bei der ersten Mannschaft, die er vom letzten Platz bis 2006 in die Champions League führte. Unter dem folgenden Ausverkauf litt auch der Erfolg, Doll veränderte sich Richtung Borussia Dortmund und machte dort 2008 Platz für einen gewissen Jürgen Klopp. Nach Auslandsabenteuern bei Genclerbirligi Ankara in der Türkei, Al-Hilal in Saudi-Arabien und in Ungarn Ferencvaros Budapest, das er zwischen 2013 und 2018 zu drei Pokalsiegen und der Meisterschaft 2016 führte. An der Leine würden sie sich sicher auch mit weniger zufrieden geben.

Taktiktafel

Es liegt auf der Hand, dass Thomas Doll nicht durch Fingerschnippen einen Umschwung wie vor anderthalb Jahrzehnten beim einstmals „großen HSV“ einleiten kann. Wichtiger als taktische Manöver sind dem „Kicker“-Mann des Jahres 2005 grundsätzliche Korrekturen, angefangen bei der Mentalität – auf dem Platz wie auf den Rängen. Den Akteuren die Lethargie austreiben, dem Anhang die Euphorie zurückvermitteln lautet die Marschroute. Als taktischen Rahmen hat Doll zunächst das am einfachsten zu praktizierende 4-4-2, wahlweise mit flacher Vier oder Raute im Mittelfeld, auserkoren, an der Doppelspitze änderte sich also erstmals nichts, wenngleich die Hannoveraner gegen Hoffenheim einen Mittelfeldakteur zugunsten eines zusätzlichen Innenverteidigers, Kevin Wimmer, opferten. Die taktische Ausrichtung ist im aktuellen Ausnahmezustand auch immer vom vorhandenen Personal abhängig. Angesichts des nicht gerade kleinen Lazaretts gelten plötzlich vergessene Lizenzspieler wie der seit August 2017 nicht mehr spielfähige Dauerpatient Edgar Prib sowie der in die zweite Mannschaft versetzte Uffe Bech und der brasilianische Leihrückkehrer Jonathas als hoffnungsvolle Alternativen.

Spieler im Fokus: Michael Esser

In der Box werden bekanntlich die Spiele entschieden, entsprechend elementar sind in diesen entscheidenden Zonen höchste Effizienz. Was Hannover an torgefährlichen Mittelstürmern abgeht, machte zuletzt Torhüter Michael Esser im Rahmen des Machbaren wett. Dass die 96er trotz 71 Prozent abgewehrter Bälle die meisten Gegentore schlucken mussten, liegt einzig an der erwähnten Chancenzahl der Gegner. Von 152 Schüssen konnte Esser 108 abwehren! Die größte Diskrepanz tat sich zum Rückrundenstart gegen Werder Bremen auf, als Esser beim 0:1 ein Mal hinter sich greifen musste, aber mit 14 abgewehrten Schüssen einen ligaweiten Saisonrekord aufstellte. Ebenfalls 14 Paraden gelangen in der gesamten Historie einzig 1997 Andreas Reinke – sowie Oka Nikolov 2007 gegen die Bayern.

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