Erstmals seit dem Amtsantritt von Adi Hütter spielte die Eintracht 0:0. Das eigene Auftreten versprach sicher keinen Schönheitspreis, aber die wohl höchste Erfolgswahrscheinlichkeit.

Weil sich die Hausherren wie nur wenige Teams in Deutschland und Europa über ihr Verhalten gegen den Ball definieren, indem sie den Gegner so früh und häufig wie möglich zu Ballverlusten zwingen, versuchte sich die Eintracht die Kehrseite dieses Musters zunutze zu machen. So komplex die detaillierten Abläufe manchmal sind, verbirgt sich hinter dem Grundprinzip einfachste Geometrie: Je mehr Spieler sich nach vorne orientieren, desto mehr Raum bietet sich dahinter. Umgekehrt wollte sich weder die eine noch die andere Seite durch spielerische Lösungsversuche am eigenen Strafraum in die Bredouille zu bringen. Um nicht wie von einem Wolfsrudel in die Ecke gelockt zu werden, galt nach Ballgewinn der erste Gedanke dem langen Ball in die Spitze, wohl wissend, dass nicht jeder Pass ankommen, aber der eine entscheidende schon reichen würde.

Entsprechend entwickelte sich ein Verfolgerduell, das mehr für die Kampfbahn denn für die Galerie geeignet war, aber deswegen alles andere als unattraktiv wirkte. Auch wenn fußballerische Glanzlichter rar blieben, gönnten die Akteure weder sich noch den Zuschauern auch nur ansatzweise Verschnaufpausen. Der von Coach Hütter prophezeite „Stressfußball“ erlaubte keinen noch so winzigen Konzentrationsmangel. Im Umkehrschluss bewegte sich die Passquote zeitweise beidseitig unter 70 Prozent, im Vergleich Vierter gegen Fünfter eigentlich verhältnismäßig schwache Werte. Aber Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Oder wie Kevin Trapp im Anschluss durchblicken ließ: „Sicher war das heute kein schönes Spiel, in dem die Effektivität im Vordergrund stand.“ Was erwartungsgemäß vor allem für das offensiv interpretierte Defensivverhalten zutraf, weniger auf die Sturmreihen. Insbesondere der hessische Dreizack hing überwiegend in der Luft und blieb ausnahmsweise eher stumpf als Trumpf. Auch, weil die Sachsen dem Dreigestirn ihrerseits drei Innenverteidiger entgegensetzten und selbst einen Luka Jovic weitgehend abmeldeten, der nicht nur die generell meisten Treffer in der Liga (14), sondern auch die meisten Kontertore (vier) erzielt hat. Dem stellte die RB-Pressingmaschine eine nicht weniger funktionstüchtige Abseitsfalle entgegen, die am Ende fünf Mal zuschnappte. Gerade in der ersten Halbzeit stutzten sich die Bullen und die Büffel gewissermaßen die Hörner bis zur Unkenntlichkeit. Auch wenn Hütter im Nachgang einräumte: „Über 90 Minuten gesehen war Leipzig besser und hatte mehr Torchancen.“ Der Österreicher hätte auch sagen können: Über die zweiten 45 Minuten gesehen, denn der erste Durchgang bewegte sich hinsichtlich (ausbleibender) Einschussgelegenheiten auf Augenhöhe.

Dreckiger Punkt dank weißer Weste

Dass sich am Ende die Effektivität des zweckmäßigen Frankfurter Rezepts in Form eines Punktgewinns auszahlte, war auch der mangelnden Effizienz des gastgebenden Champions-League-Aspiranten geschuldet. Allein Timo Werner verbuchte mit fünf Abschlüssen nur einen weniger als die gesamte Eintracht, der insgesamt die Entlastungsoptionen abgingen. Umso mehr freute sich nicht nur Keeper Trapp hinterher, „zu Null gespielt“ zu haben. Getreu der Devise, wenn kein eigenes Tor gelingt, darf man wenigstens keines zulassen, war es die vierte Weiße Weste zur richtigen Zeit. Dass Leipzig mittlerweile derer zehn gelangen, wie sonst nur Frankfurts nächstem Bundesligagegner Borussia Mönchengladbach, unterstreicht die Schwierigkeit, gegen den Bundesligisten mit den wenigsten Gegentoren (18) durchzukommen.

Dass dies den Bullen selbst lange nicht gelang, war neben dem außerordentlichen Taktik- und Zweikampfverhalten im Zweifel auch einer kompromisslosen Restverteidigung der Frankfurter Jungs zu verdanken. Viele Schüsse der Gegner gerieten nur deshalb zu ungenau, weil ihnen im allerletzten Moment noch ein Adler im Nacken saß. Meistens sogar mehr als einer. Sinnbildlich etwa, wie die Eintracht den Ausfall David Abrahams gleich doppelt kompensierte: Martin Hinteregger als umsichtiger rechter Innenverteidiger, Gelson Fernandes als omnipräsenter Kapitän. Der bemerkte: „Wir sind weiterhin in der Rückrunde ungeschlagen. Nun richten wir den Blick auf Donetsk und dann die nächste schwere Partie gegen Mönchengladbach.“ Vor denen sich der Tabellenfünfte genauso wenig verstecken möchte und auch nicht muss, wie Rückhalt Trapp an das Selbstbewusstsein seiner Vorderleute appelliert: „Um sich oben zu behaupten, benötigt man die richtige Mentalität. Wenn man nach 21 Spieltagen auf Platz fünf steht, kommt das nicht von ungefähr.“ Auch wenn dafür manchmal Kampf vor Kunst stehen muss. Anders gesagt: Besser mit einem Punkt leben als in Schönheit zu sterben.

Teilen
Funktionen