Kaum eine europäische Mannschaft ist seit Jahren derart von Brasilianern geprägt wie der FC Shakhtar Donetsk. Für internationale Glanzlichter reichte es zuletzt aber eher selten.

Situation

Shakhtar Donetsk befindet sich seit dem 7. Dezember in der sprichwörtlichen Winterpause und nimmt erst ab dem 23. Februar wieder den Ligabetrieb auf. Mit Frühlingsgefühlen wird dann aber kaum zu rechnen sein. Aufgrund politischer Unruhen trägt der Klub seine Heimspiele seit Januar 2017 im 315 Kilometer von Donetsk entfernten Metalist-Stadion in Charkiw aus, wo auch im Frühjahr zweistellige Minusgrade nicht unüblich sind.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Shakhtar auch aktuell einmal mehr eine Vielzahl an Brasilianern unter Vertrag hat und mit elf Künstlern aus dem Land des Rekordweltmeisters eine komplette Mannschaft stellen könnte. Zu den Leistungsträgern zählen etwa Kapitän Taison und Außenverteidiger Ismaily. Zum eisenharten ukrainischen Kern gehört nicht zuletzt Andrii Piatov, der 2007 zu Shakhtar stieß und 2008/09 gegen Werder Bremen, damals trainiert von Thomas Schaaf, mit 2:1 nach Verlängerung den UEFA-Cup gewann. Seither kam der Champions-League-erprobte Klub wie so häufig international nicht über das Achtelfinale hinaus. Die Ausnahme bildeten die Spielzeiten 2010/11 und 2015/16, als die Ukrainer jeweils am späteren Titelträger aus Spanien scheiterten. Vor knapp acht Jahren war im UEFA Champions League Viertelfinale nach zwei Niederlagen gegen den FC Barcelona Schluss, 2016 scheiterte Shakhtar im Europa-League-Halbfinale am FC Sevilla. Auch in der Liga blieben die Orange-Schwarzen ausnahmsweise nur zweiter Sieger. Nach der Saison, zwölf Jahren und 535 Spielen als verantwortlicher Übungsleiter nahm die langjährige Trainerkoryphäe Mircea Lucescu seinen Hut.

Formkurve

Die gläserne Decke zur internationalen Beletage vermochte auch dessen Nachfolger Paulo Fonseca noch nicht zu durchbrechen. Auch weil es die Edeltechniker aus dem sonnigen Südamerika oft nicht allzu lange in der klirrenden Kälte hält und sie ab einem gewissen Entwicklungsstadium weiterziehen, wie in der Vergangenheit Fred (Manchester United), Fernandinho (Manchester City), Willian (damals zum FC Chelsea) oder Douglas Costa (seinerzeit FC Bayern München). Im Sommer machte Bernard den Abflug zum FC Everton, im Winter verabschiedete sich Eigengewächs, Abwehrchef und Identifikationsfigur Yaroslav Rakytskyi wie seinerzeit Lucescu zu Zenit St. Petersburg. So blieben die Ostukrainer auch 2018 nach der Gruppenphase der UEFA Champions League nur der geplagt lachende Dritte, wenngleich damit zumindest das Überwintern in Europa einherging. Auf nationaler Ebene machten die „Bergarbeiter“ in den vergangenen Jahren dagegen einen Schritt nach vorne. Die Wachablösung von Rekordmeister Dynamo Kiew ist längst vollzogen. Zehn der vergangenen 14 Meisterschaften gingen in die Region Donbass, davon zuletzt drei hintereinander, 2017 und 2018 gelang sogar das Double. Auch in der laufenden Spielzeit führt Shakhtar das heimische Tableau mit sieben Punkten Vorsprung an.

Trainer

Als der 45-jährige Paulo Fonseca 2016 die Nachfolge von Urgestein Mircea Lucescu antrat, hatte er zwar als Trainer durchaus seine Meriten erlangt, aber nicht weniger Unwägbarkeiten zu bewältigen: Ein Team am Scheideweg, wie immer prominente Abgänge, doch zunächst ohne die folgerichtigen Verstärkungen, die auch wegen der unruhigen politischen Situation nicht mehr so einfach von Donetsk als Sprungbrett zu begeistern waren.

Doch Fonseca vertraute dem gegebenen Fundament auf der einen, seinem Spielkonzept auf der anderen Seite. Positions-, Pass- und Pressingverhalten gleichen den ersten Stationen des in Nampula, einer Stadt der bis 1975 portugiesischen Kolonie Mosambik, geborenen Coach, der am liebsten immer die Initiative ergreifen und zugleich die Kontrolle über das Geschehen behalten möchte.

Der diesbezügliche Höhepunkt war die Qualifikation für das Achtelfinale der Champions League im Dezember 2017 durch ein 2:1 über Manchester City. Bei den Engländern an der Seitenlinie stand Pep Guardiola, der eine ähnliche Liebe zum totalen Fußball besitzt. Doch im Vergleich zum Spanier scheut sich Fonseca weniger, seinen überwiegend künstlerisch veranlagten Schützlingen situative Freiheiten zu gewähren, sofern die Überraschungsmomente zielführend sind. Kontrolliertes Chaos sozusagen. Für Aufsehen sorgte der ehemalige Mittelfeldspieler just nach jenem Triumph, als er im Anschluss in Zorro-Montur vor die Medien trat – ein Versprechen, das er seinen Spielern für den Fall des unerwarteten Weiterkommens gegeben hatte.

Erfolgsversprechend gestaltet sich auch der bisherige Werdegang des Spektakel-Idealisten. Nach einem verheißungsvollen Start beim FC Pacos Ferreira, den er 2013 ins Pokalhalbfinale sowie die Qualifikation zur Champions League führte, war der darauffolgende Schritt zum FC Porto damals noch eine Nummer zu groß. Unvergessen dennoch die denkwürdigen Europokalduelle mit der Eintracht im Frühjahr 2014. Nach dem Pokalsieg mit Sporting Braga 2016 folgte er dem Ruf aus der Ukraine. Die Bilanz nach zweieinhalb Jahren: Zwei Doubles in Folge und ein bemerkenswerter Punkteschnitt von 2,34.

Taktiktafel

Und das trotz in den vergangenen Jahren überschaubarer namhafter Zugänge. Vielmehr verstand es der neue Coach Fonseca, das vorhandene und zu haltende Personal weiterzuentwickeln und taktisch in Nuancen neu zu erfinden. So blieb das fast naturgegebene 4-2-3-1-Muster unangetastet, unterscheidet sich aber in seiner Umsetzung eindeutig vom System des vorangegangenen Jahrzehnts. An der klassischen Rollenverteilung änderte sich freilich nichts. So übernimmt Taras Stepanenko im defensiven Mittelfeldzentrum vermehrt absichernde Aufgaben, während daneben Fred-Nachfolger Maycon den Antreiber gibt. Auf den Flügeln wirbeln meist die Routiniers Marlos und Kapitän Taison. So weit so gewöhnlich. Die Besonderheit liegt im Spiel ohne Ball. Während die nominellen Außen dann fast als Zehner agieren und sich der Mittelstürmer und der offensive Mittelfeldspieler auf einer Höhe bewegen, ergibt sich ein möglichst zentrumorientiertes 4-2-2-2, das sich wie eine Ziehharmonika Richtung Ballseite verschiebt. Das ultimative Pressing bleibt eher die Ausnahme, doch spätestens ab der Mittellinie wird die Luft für jeden Gegenspieler dünner, an den Außenlinien sowieso. Kompaktheit ist auch bei eigenem Ballbesitz Trumpf. So agieren die vier Angreifer meist dicht beieinander, die aufrückenden Außenverteidiger sorgen für die nötige Breite. Durch die räumliche Nähe ergeben sich automatisch mehrere Kurzpassoptionen. Gelangen diese nicht ans Ziel, genügt meist eine Verlagerung auf einen auf die Gegenseite ausgewichenen Außenstürmer oder Außenverteidiger, die daraufhin ihre große Dribbelstärke gegen maximal einen verbliebenen isolierten Widersacher zur Geltung bringen. Zugegeben finden diese Schemata in der heimischen Liga wesentlich häufiger Anwendung, weil die Ukrainer im Europapokal oftmals auf spielerisch mindestens ebenbürtige Kaliber treffen.

Spieler im Fokus: Viktor Kovalenko

Viktor Kovalenko ist nicht nur wegen seiner außergewöhnlichen Rückennummer 74 auf groteske Weise ein Exot in der Ostukraine. Ist doch insbesondere die Angriffsriege fest im Griff immer wiederkehrender Importe aus Südamerika, entstammt der 19-malige ukrainische Nationalspieler der eigenen Jugend. Dabei kann der offensiv variabel verwendbare Mittelfeldakteur technisch beileibe nicht mit seinen Nebenmännern mithalten. Doch genau genommen ist genau das ein Grund, weshalb der Ballverteiler seit nun schon vier Jahren immer mehr Spielanteile erhält.

Gerade in den Vergleichen mit Europas Elite setzt Coach Paulo Fonseca auf der Spielmacherposition konsequent auf die defensive Zuverlässigkeit des 1,82-Meter-Mannes, indem Kovalenko gemeinsam mit dem nominellen Mittelstürmer möglichst die Zuspiele der gegnerischen Innenverteidiger ins Mittelfeld stören soll. Umgekehrt verfügt der vergleichsweise unspektakulär, aber umso effektiver agierende Akteur über zuverlässige Ballverteilqualitäten, dank derer er im Umschaltspiel das übrige Offensivtrio in Szene zu setzen vermag.

Gewissermaßen reift in Donetsk aktuell der Kronprinz des 2016 nach China transferierten Taktgebers Alex Teixeira heran. Dass dessen Jugend nicht gleichzeitig Unerfahrenheit bedeuten muss, zeigt ein kurzer Blick in die Vita des ab Donnerstag 23-Jährigen. Mit der U19 Shakhtars zog er im April 2015 ins Finale der UEFA Youth League ein, wo er den Altersgenossen des FC Chelsea 2:3 unterlag, aber immerhin zum Endstand traf.

Fortan ging es Schlag auf Schlag: Im Juni Torschützenkönig bei der U20-WM in Neuseeland, als er mit fünf Treffern einen mehr erzielte als Marc Stendera. Dann die Nominierung zur Europameisterschaft 2016, bei allen drei Vorrundenspielen im Einsatz, in den ersten zweien von Anfang an, darunter zum Auftakt gegen Deutschland.

Auch wenn danach das punkt- und torlose Aus stand, hat der Ballmagnet mit deutschen Vereinen nicht die schlechtesten Erfahrungen gesammelt. In der laufenden Saison gab es gegen die TSG Hoffenheim vier Punkte (2:2, 3:2). Unvergessen die Europa-League-Zwischenrunde 2016, als der FC Schalke 04 nach einem torlosen Hinspiel zuhause mit 0:3 unter die Räder kam. Auch hier Schütze des letzten Treffers: Viktor Kovalenko.

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