Fast selbstverständlich zählt Bayer 04 Leverkusen zu den besseren Teams der Liga. Doch das Selbstverständnis könnte angesichts des vorhandenen Potentials ein anderes sein.

Situation

Jahr für Jahr spielt Bayer 04 Leverkusen mal mit mehr, mal mit weniger Aussichten um die vorderen Plätze mit, etabliert sich als Entwicklungsbeschleuniger für vielversprechende Talente. Wenn es aber um den ganz großen Clou geht, haben immer andere Vereine das letzte Wort. Das war vor dem fast tragisch-komischen Bayer-Vizekusen-Jahr 2002, als statt Triple und WM-Titel vier Silbermedaillen standen, der Fall und ist bis heute nicht viel anders. Mit Ausnahme nach 2002, als dem Super-GAU fast der Abstieg gefolgt wäre, gab es kaum ein Spieljahr, nach dem die Rheinländer nicht im internationalen Geschäft vertreten waren, oftmals angereichert mit einer schönen Portion Spektakel.

Entgegen den Veränderungen in der operativen Ebene stand der Klub im Vorfeld der Saison vor der ungewohnt erfreulichen Situation, fast alle Leistungsträger gehalten zu haben. Als Ersatz für den einzigen verlorenen Fixpunkt Bernd Leno holte Bayer Lukas Hradecky und verstärkte sich darüber hinaus punktuell in allen Mannschaftsteilen, überwiegend Leverkusen-like mit Hochbegabten aus Südamerika und Deutschland wie Paulinho (18, Vasco da Gama) oder Mitchell Weiser (24, Hertha BSC).

Angesichts der der Annahme, an Substanz gewonnen und sich im ersten Jahr mit Heiko Herrlich weiterentwickelt und gefunden zu haben, erschien zunächst die UEFA Champions League als logisches Ziel, wie  der Cheftrainer unlängst nochmal bekräftigte: „Der Kader wurde mit der Zielvorgabe zur Verfügung gestellt, in die Champions League zu kommen.“ Komfortzone war einmal.

Formkurve

Entsprechend hart war nach den emporgeschossenen Erwartungen die Landung gleich zu Saisonbeginn, als es drei Niederlagen zum Start setzte. In der Folge fing sich Leverkusen zwar allmählich, präsentierte sich aber alles andere als konstant, was auch mit Verletzungen auf Schlüsselpositionen wie im defensiven Mittelfeld zu tun hatte. Entsprechend erscheint es kaum als Zufall, dass mit der Rückkehr der etatmäßigen Doppelsechs Charles Aranguiz und Julian Baumgartlinger die Tendenz zunehmend nach oben zeigt. Bayer ist seit drei Bundesligaspielen ungeschlagen und Gruppensieger in Gruppe A der UEFA Europa League. Zumal Mittelstürmer Lucas Alario beim 1:0-Sieg gegen den FC Augsburg am vergangenen Spieltag seine Torflaute beendete und erstmals in dieser Spielzeit traf.

Trainer

Obwohl erst seit seinem Amtsantritt 2017 dauerhaft von der Öffentlichkeit wahrgenommen ist Heiko Herrlich alles andere als ein Newcomer im Trainergeschäft. Nur ein Jahr nach dem Ende seiner aktiven Karriere 2004 übernahm der doppelte Torschützenkönig in Bundesliga und DFB-Pokal von 1995 die U19 von Borussia Dortmund und verdiente sich anschließend auch im Nachwuchsbereich des DFB seine Meriten.

Der erste Anlauf in der Bundesliga endete allerdings nach knapp einem halben Jahr, als der gebürtige Mannheimer in der Saison 2009/10 beim VfL Bochum vorzeitig gehen musste. Also ab nach Bayern, wo er nach Stationen bei den B-Junioren des FC Bayern und der SpVgg Unterhaching nicht zuletzt zwischen 2015 und 2017 den SSV Jahn Regensburg von der Regional- in die zweite Liga führte. Persönlich packte der 47-Jährige gar den Hattrick, indem er bei Bayer 04 Leverkusen anheuerte und die Werkself mit variablem und schnellem Umschaltfußball direkt in die UEFA Europa League zurückkehrte.

Taktiktafel

In den meisten Fällen war dabei das vielseitig anwendbare 4-2-3-1 Usus, was aber nicht in Stein gemeißelt ist. Die flexiblen Defensivkräfte erlauben es Bayer Leverkusen, problemlos zwischen Vierer- und Dreierkette zu wechseln, wenn etwa Tin Jedvaj von einer der Außenverteidigerposten ins Zentrum rückt und Weiser und/oder Wendell die offensiven Flügel bearbeiten. Genauso können die Bender-Zwillinge ohne Qualitätsverlust in Abwehr und Mittelfeld auflaufen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Darüber hinaus stehen die schnellen und technisch versierten Angreifer für schnörkelloses Umschaltspiel, das losgelöst von der Systemfrage höchstes Gefahrenpotential birgt.

Spieler im Fokus: Kai Havertz

Als Kai Havertz im Oktober sein 2016 Bundesligadebüt feiert, hätte der damalige Schüler für eine Befreiung vom Unterricht noch die Unterschrift seiner Eltern benötigt. Mit 17 Jahren und 126 Tagen avancierte der Mittelfeldallrounder zum jüngsten Bundesligaprofi der Vereinsgeschichte. Zwei Jahre später ist der U17-Meister von 2016 A-Nationalspieler und vor allem: unumstrittene Stammkraft. Als einziger Akteur seines Teams stand der 19-Jährige in allen Saisonspielen in der Startelf, steuerte vier Tore bei und bringt trotz seiner 1,88 Meter bis zu 35 km/h auf die Wiese. Noch schneller verläuft bislang nur die Entwicklung des außergewöhnlichen Eigengewächses. Oder wie sein Coach unlängst feststellte: „Kai Havertz‘ Entwicklung ist nicht aufzuhalten."

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