Nachdem der FC Internazionale Milano sowohl der Coppa Italia als auch dem Scudetto für dieses Jahr „Arrivederci“ sagen musste, liegen die letzten Titelchancen in der Europa League.

Situation

Sollte es in einer Woche in Mailand in die Verlängerung gehen, der FC Internazionale Milano hätte ein vergleichbares Szenario in gewisser Weise bereits vorsimuliert. Erst am vorvergangenen Spieltag musste der Tabellendritte der Serie A in der elften (!) Minute der Nachspielzeit den 3:3-Ausgleich beim AC Florenz hinnehmen. Nach einem strittigen Handelfmeter und einem nicht enden wollenden Videobeweisverfahren. Bitter für die Mailänder, die aber auch schon in wichtigeren Phasen auf den letzten Drücker die Oberhand behalten haben. Im Oktober hatten wir an dieser Stelle das dramatische Verpassen der UEFA Champions League von S.S. Lazio am letzten Spieltag der Saison 2017/18 thematisiert, als eben jenes Inter trotz der schlechteren Tordifferenz, aber dank des gewonnenen direkten Vergleichs in die Königsklasse eingezogen war. Dass dies die erste Teilnahme in Europas wichtigstem Vereinswettbewerb seit 2011 war, zeigt ebenso die veränderte Wahrnehmung des merklich geschrumpften Riesen auf wie das Aus in der Vorrunde.

Bevor der erfahrene Luciano Spalletti 2017 als x-te Cheftrainerlösung das Ruder an der Po-Ebene übernahm, konnte kein Übungsleiter oder Funktionär die großen Fußstapfen füllen, die der 2013 ausgeschiedenen Präsident Massimo Moratti sowie der 2010 zu Real Madrid gewechselte José Mourinhos hinterlassen haben. Wie auch: Der Portugiese hatte den Nerazzurri als erster italienischer Mannschaft das große Triple beschert – mehr geht schlicht nicht. Doch die Träume, an das Grande Inter, das 1964 und 1965 den Landesmeister-Cup gewann, anzuknüpfen verpufften im Nu, auch weil die Triple-Truppe ihren Zenit erreicht hatte. Dem blauen Wunder folgte die schwarze Dämmerung, als nach 18 Meisterschaften, drei Champions-League- bzw. Landesmeister-Trophäen nur noch die Coppa Italia sowie die Vizemeisterschaft 2011 hinzukamen. Danach standen die Lombarden am Saisonende nie höher als auf Rang vier.

Formkurve

So wie auch aktuell nach der jüngsten Durstrecke. Inter ist am vergangenen Spieltag nach einer 1:2-Niederlage bei Cagliari vom dritten auf den vierten Tabellenplatz gefallen. Insgesamt haben die Lombarden in den vergangenen sieben Ligaspielen neben zwei Remis und drei Niederlagen nur zwei Siege feiern können. Zudem erzielten die Nerazzurri nur sieben Tore in diesem Zeitraum. Auswärts konnte Inter nur zwei der vergangenen neun Serie-A-Spiele gewinnen.

Entsprechend erscheint in diesem Jahr die UEFA Europa League noch als die realistischste Chance auf einen Titel, denn in der Liga ist Erzrivale Juve schon wieder Fernglas-weit enteilt und in der Coppa Italia setzte es Ende Januar gegen S.S. Lazio im Viertelfinale das Aus im Elfmeterschießen.

Trainer

Schon der Einstand Luciano Spallettis 2017 ließ aufhorchen, als Inter in den ersten 16 Ligaspielen ungeschlagen blieb und am Ende der Saison – wenn auch auf den letzten Drücker – erstmals seit sechs Jahren wieder in die Champions League einzog. Überhaupt: 30 Serie-A-Siege, wie sie Spalletti bereits jetzt aufweist, hat zuletzt José Mourinho geschafft. Kurzum: Spalletti scheint auf gutem Wege, den schlummernden Riesen wieder zum Leben zu erwecken.

Nach Stationen beim FC Empoli, Sampdoria Genua, Udinese Calcio und US Anconitana feierte der frühere Profi schließlich bei der AS Rom seine größten Erfolge. Die Hauptstädter führte er 2007 und 2008 zwei Mal hintereinander zur Coppa Italia, außerdem 2007 zum Gewinn des Superpokals. Die Ironie aus heutiger Sicht: All jene Finals gewann er gegen seinen heutigen Arbeitgeber. Drei Bewerbungsschreiben mit zehnjähriger Anlaufzeit sozusagen.

Ehe der frühere Profi jedoch von der Ewigen Stadt in die Lombardei übersiedelte, versuchte er zunächst zwischen 2009 und 2014 sein Glück in Russland, wo er Zenit St. Petersburg zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg schenkte, aber im März 2014 seinen Hut nehmen musste. Nach einer zweijährigen Auszeit kehrte der aus Certaldo in der Toskana stammende Spalletti Anfangs 2016 in die Hauptstadt zurück, hievte die schlingernde Roma auf Anhieb zurück in die Königsklasse, wagte aber nach der Saison 2016/17 den Schritt auf den Schleudersessel beim FC Internazionale Milano, wo sie seit 2010 zehn Trainer kommen und gehen gesehen haben.

Taktiktafel

Der Coach vereint dabei einen vernünftigen Mix aus Erfahrung und Enthusiasmus. Auf der einen Seite stellt Mailand zwar mit knapp 28 Jahren die drittälteste Mannschaft der italienischen Liga. Wenngleich Spitzenreiter Juve sogar den höchsten Altersschnitt aufweist, also… Auf der anderen Seite verlangt Spalletti gemäß seinem Erfolgsrezept ein aktives Pressingverhalten und fluides Positionsspiel, vertraut aber auch darauf, dass seine Lenker und Denker auf dem Rasen Tempo und Rhythmus dem Spielgeschehen anpassen können. Fast pedantisch hingegen erscheint sein Flügelfokus. Nicht ganz zufällig verzeichnen die meisten Vorlagen Außenspieler wie Perisic (wettbewerbsübergreifend sieben), Rechtsverteidiger Danilo D’Ambrosio, Rechtsaußen Politano (je vier) sowie die Flügelzange Antonio Candreva und der zuletzt lädierte Keita Baldé (je drei).

Spieler im Fokus: Ivan Perisic

Vor allem Ivan Perisic ist aus dem flügelbetonten Angriffsspiel der Nerazzurri nicht mehr wegzudenken. Der 30-Jährige ist dank seiner Beidfüßigkeit auf beiden Außenbahnen sowie im offensiven Mittelfeld einsetzbar. So effektiv seine Qualitäten, so effizient ist auch sein Spiel. Mit 20 Scorerpunkten, elf Treffern und neun Vorlagen, war Perisic in der Vorsaison hinter Mauro Icardi (30) an den meisten Buden direkt beteiligt.

Wenig verwunderlich taucht der 1,87 Meter große Flügelflitzer regelmäßig auf den angeblichen Wunschlisten der kontinentalen Elite auf. Doch die Lockrufe blieben unerhört, weshalb Perisic am Donnerstag vor seinem 50. Europapokalspiel steht. Passend zum Jubiläum befindet sich der Allrounder in bestechender Form: Im Rückspiel der Zwischenrunde beim 4:0 gegen Rapid Wien war er an sechs Torschüssen sowie zwei Toren beteiligt. Überhaupt hat Perisici sechs seiner sieben Europapokaltore in der Europa League erzielt. Fortsetzung unerwünscht.

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