Die Lichter erloschen erst mit den letzten regulären Elfmeterschuss. Um 22.47 Uhr Londoner Zeit verabschiedete sich Frankfurt von der europäischen Bühne. Doch nicht für immer.

Adi Hütter fand schon unmittelbar nach dem Spiel die passenden Worte, so wie er sie offenbar auch während der Pausenansprache gefunden hatte: „Wenn man das heute alles gesehen hat, haben wir es uns verdient, auch nächstes Jahr international zu spielen.“ Dass diese Möglichkeit in den folgenden neun Tagen noch auf Bundesligaterrain gegeben ist, hätte ohnehin vor der Saison jeder blind unterschrieben. Die Annahme aber, dass der amtierende DFB-Pokalsieger an einem Donnerstagabend im Mai 2019 den Chelsea FC an den Abgrund drängen und nicht nur aus Sicht Hütters „mit einem Bein im Finale“ stehen würde, wäre im vergangenen Sommer den meisten nur mit einer Wahrnehmungsstörung erklärbar gewesen. Doch Sportvorstand Fredi Bobic hatte schon damals, ohne die Gegner zu kennen, gefordert „durch die Gruppe zu marschieren.“ Gesagt, getan. Dass die Adler auf ihrem Flug über den Kontinent aber drei Champions-League-Vertreter hinter sich lassen und unter den besten Vier von insgesamt 259 Startern stehen würden, sprengt alle Vorstellungen. „Es war ein unglaublicher Ritt“, schwärmte Bobic im Angesicht des Knockouts im letzten Atemzug.

Gewissermaßen hat Frankfurt nur eines von 14 Duellen verloren, „gegen Chelsea zweimal nicht“, zeigte Kevin Trapp auf. Die Ironie der Konstellation: Die Blues waren der einzige Gegner in der K.o.-Runde, die nicht aus der Königklasse abgestiegen waren. Und nun mit drei weiteren britischen Vereinen die Herrschaft Europas unter sich ausmachen wird – ausgerechnet in Zeiten des Brexit.

Alles außer logisch

Diese Konstellation entbehrt genauso jeglicher Rationalität wie die Tatsache, dass ein englischer gegen einen deutschen Vertreter im Elfmeterschießen die Oberhand behielt. Doch mit Logik hatte diese Europareise am wenigsten zu tun. Vielmehr mit Leidenschaft, auf dem Rasen wie auf den Rängen. Dass diese mitunter Leiden schafft, liegt in der Natur der Emotionen. Die Drama Queen wollten die heroischen Hessen nahe der King’s Road dennoch nicht abgeben. Obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätten: Zwei von Chelsea geklärte Einschüsse auf der Torlinie, die Verletzung Sebastian Rodes, das Comeback Sébastien Hallers, einen gehaltenen und zwei verschossene Elfmeter, darunter vom zuvor über 210 Minuten alles überragenden Martin Hinteregger. „Ich habe großen Respekt vor den Schützen, ich konnte mich gerade so auf den Beinen halten“, stellte Danny Da Costa im Anschluss Mut über Versagen. Kurzum: Stoff genug für eine griechische Tragödie, eine der wenigen Nationalitäten, die sich nicht im eingeschworenen Multi-Kulti-Kader wiederfindet.

Den viel beschworenen und unter Beweis gestellten Teamgeist symbolisierten gewissermaßen Hinteregger und Luka Jovic. Während der Österreicher den bis dato alleinigen Toptorschützen Olivier Giroud in zwei Spielen nahezu komplett abmeldete, verhalf er indirekt dem Serben dazu, sich in der Vorschlussrunde mit zwei Treffern an die Seite des Franzosen zu schießen. Und sich zum treffsichersten Akteur eines deutschen Vereins innerhalb einer UEFA Europa-League-Saison aufzuschwingen. Die mannschaftliche Geschlossenheit, welche die Blues ab der 46. Minute vor fast unlösbare Rätsel gestellt hatte, stieß erst wieder nach der Verlängerung an ihre Grenzen, als es nur den Keeper und den Schützen gab. Dass dann Chelseas Schlussmann Kepa den Heldenstatus erlangte und seine spezielle Geschichte mit Coach Maurizio Sarri fortsetzte, soll eine Geschichte für den britischen Blätterwald bleiben.

Endspiel verpasst, Finale vor Augen

Im Frankfurter Stadtwald steht spätestens mit der Ankunft am Freitagnachmittag die maximale mentale Herausforderung an, den berühmten Schalter auf die – inklusive Supercup – letzten verbleibenden Saisonspiele 49 und 50 zu richten. „Wir werden die Jungs aufrichten. Es geht weiter“, schärft Bobic mit heißem Herz und kühlem Kopf die Sinne.

Denn auch, wenn das Endspiel in Baku ein unerfüllter Traum bleibt, gleicht der Sonntag und darauffolgende Samstag einem Liga-Finale um die internationalen Startplätze. Europa würde der Eintracht fehlen und umgekehrt, wie die gefühlt 13 internationalen Heimspiele (abzüglich Marseille) eindrucksvoll gezeigt haben: Eintracht und Frankfurt sind nicht nur im Herzen von Europa beheimatet, sondern haben Europa auch im Blut.

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