Der prominenteste Neuzugang sitzt auf der Trainerbank. Doch beim aufstrebenden Leipzig hat sich mehr getan als auf den ersten Blick ersichtlich.

Situation

Dass sie in Leipzig in den vergangenen Jahren alles in allem gute Arbeit verrichtet haben, verdeutlichte die jüngste Kunde, dass Julian Nagelsmann und sein Team bei Heimspielen statt wie bisher auf der rechten auf der linken Trainerbank Platz nehmen werden. Eine Marginalie zwar, aber durchaus Ausdruck dessen, dass das große Ganze in der öffentlichen Wahrnehmung wenige nennenswerte Neuerungen benötigt. Obwohl es ganz so einfach dann doch nicht ist.

Denn parallel zur Ankunft des neuen Cheftrainers verpflichteten die Sachsen mit Markus Krösche auch einen neuen Sportdirektor. Ralf Rangnick, der im vergangenen Jahr beide Ämter in Personalunion ausgeübt hat, fungiert seit dieser Saison als übergeordneter „Head of Sport“. Der Übervater hat seinen 32 und 38 Jahre jungen Nachfolgern ein mehr als bestelltes Feld hinterlassen: Mit Tabellenplatz drei ein Team auf nationalem Spitzenniveau, gleichzeitig der direkten Qualifikation für die UEFA Champions League, eine eingespielte schon wieder wie geölt laufende Pressingmaschine und darüber hinaus den jüngsten Kader der Bundesliga. Weitere prickelnde Entwicklungssprünge scheinen somit vorprogrammiert.

Formkurve

Ebenfalls bezeichnend dafür, dass es Leipzig weniger Korrekturen bedurfte, war die Tatsache, dass zum Ligaauftakt mit Christopher Nkunku nur ein Neuzugang zum Einsatz kam. Der aber sofort einschlug. In der 65. Minute für Timo Werner eingewechselt traf der von Paris St.-Germain losgeeiste Angreifer keine fünf Minuten später zum 4:0-Endstand bei Union Berlin. Wenn es beim reibungslosen Start in der Hauptstadt etwas zu bemängeln gäbe, dann die Chancenverwertung. Umgekehrt geht die Offensivgewalt weiter einher mit einer schwer überwindbaren Deckung. Schon in der Vorsaison bedeuteten 29 Gegentore die wenigsten aller Bundesligisten. Die juvenile wie ausgeglichene Kadergestaltung versprechen gleichzeitig eine anscheinend nimmermüde Antriebskraft. So kassierte der Gastgeber im vorangegangenen Spieljahr nur sechs Gegentreffer in der Schlussviertelstunde – ebenso top.

Trainer

Wie überzeugt die Verantwortlichen in Leipzig von ihrem neuen Chefcoach sein müssen, zeigt die Tatsache, dass sie für die Neubesetzung des Trainerstuhls eigentlich bereits vor einem Jahr auf Nagelsmann gezählt hätten und nach dessen Zusage sogar ein Jahr auf ihre Wunschlösung warteten, mit Rangnick als hochdekorierter Übergangsmaßnahme. Nagelsmann verkörpert als seinerzeit jüngster Cheftrainer der Bundesligageschichte jenen jugendlichen, innovativen Stil, den sich die Leipziger auf die Fahnen schreiben. Deutschlands Trainer des Jahres 2017 scheut sich nicht, junge Talente ins kalte Wasser zu werfen, empfahl sich einst selbst als Deutscher Meister der U19 wie U17 bei der TSG Hoffenheim. Das Leipziger Interesse am Querdenker war fast zwangsläufig. Mit einem Punkteschnitt von 1,66 rangiert der gebürtige Landsberger unter allen aktuellen Bundesligatrainern auf Platz vier.

Taktiktafel

(Fast) trainerunabhängig gilt Leipzig derzeit beinahe als unberechenbar, jedenfalls was die Grundordnung betrifft. Allein in der Bundesliga kamen saisonübergreifend drei verschiedene Systeme zur Anwendung: Nach den lange Jahre prägenden 4-2-2-2 und 4-1-2-1-2 deutet sich unter dem neuen Coach Nagelsmann ein Wandel hin zur Dreierabwehrkette an. An der Alten Försterei agierte noch Diego Demme als alleiniger Abräumer, aber auch ein 3-4-3 mit zwei zentralen Mittelfeldspielern ist möglich. Grundsätzlich setzt unter Nagelsmann zwar kein kompletter Kulturwandel ein, dennoch verspricht die Verpflichtung des vormaligen Hoffenheimers eine Anpassung der Gangart weg vom bedingungslosen Endlospressing hin zu einem variantenreichen Spielansatz bei eigenem Ballbesitz. Immerhin wies der Tabellendritte 2018/19 zugleich die drittschwächste Passquote auf (79 Prozent). An den Grundmustern halten die Bullen gleichwohl fest: So bestritt Leipzig in der Vorsaison mit 231 Zweikämpfen pro Spiel die meisten aller Bundesligisten. Bemerkenswert überdies in Bezug auf den extrem vertikal veranlagten Angriffsstil: Als einziger deutscher Erstligist spielte Leipzig in der Vorsaison 51 Prozent seiner Pässe in der gegnerischen Hälfte.

Spieler im Fokus: Marcel Halstenberg

Ob Vierer- oder jetzt Dreierkette: Ist Marcel Halstenberg fit, ist der Linksverteidiger gesetzt. Obwohl die Bezeichnung Verteidiger dem 27-Jährigen nicht unbedingt gerecht wird. Denn der dreimalige deutsche Nationalspieler darf seine offensive Spielweise auch unter Julian Nagelsmann beibehalten und zeigt besonders im aktuellen Kalenderjahr, dass er als Außenverteidiger extrem torgefährlich ist: Das Eigengewächs von Hannover 96 erzielte im Kalenderjahr 2019 bereits vier Bundesligatore – das ist Höchstwert aller Abwehrspieler. Zudem war im Jahr 2019 von allen Abwehrspielern nur Münchens Joshua Kimmich an mehr Torschüssen direkt beteiligt (58) als der Leipziger Linksaußen (52). Vor einer Woche legte der in seiner Karriere nicht immer von Verletzungen verschonte Halstenberg an der Alten Försterei schon wieder gut los, als der nominelle Linksfuß nach einer Viertelstunde mit rechts zum 1:0 traf.

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