Die stärkste Defensive der Liga zeigte sich zuletzt anfällig, der anfangs von Erfolg gekrönte Überfallfußball des VfL Wolfsburg stieß gegen größere Kaliber an seine Grenzen.

Situation

Im Sommer vollzog der VfL Wolfsburg einen eher unüblichen Schritt. In den zwei Spielzeiten zuvor jeweils nur über die Relegation die Klasse gehalten, tauschten die Verantwortlichen trotz Platz sechs und dem Einzug in die UEFA Europa League den Cheftrainer – einhergehend mit einer gänzlich neuen Spielidee. Weg von Bruno Labbadias Viererkette und Ballbesitzansatz, hin zu Oliver Glasners Umschaltapparat im bislang unantastbaren 3-4-3-System. Die Umstellungen fruchteten schneller als gedacht, zumal zuvor weniger berücksichtigte Akteure eine neue Chance erhielten und diese nutzten.

Der Start des VfL Wolfsburg in die Saison hätte denn kaum besser ausfallen können. Die ersten 13 Pflichtspiele in der Bundesliga, im DFB-Pokal und in der UEFA Europa League blieb er ungeschlagen. Sechs Siege und sieben Remis standen wettbewerbsübergreifend zu Buche, dabei zwölf Gegentreffer und 22 eigene Tore. Dann kam aber am 30. Oktober die zweite Runde im DFB-Pokal, als es gegen Leipzig eine herbe 1:6-Klatsche setzte. Das war ein Schlag für die bisher so defensivstarke Truppe von Trainer Oliver Glasner. Seitdem holte der VfL keinen Punkt mehr.

Formkurve

Es folgten Niederlagen gegen Borussia Dortmund (0:3), KAA Gent (1:3) und zuletzt Bayer 04 Leverkusen (0:2). Die Wölfe kassierten in den vergangen beiden Bundesligapartien fünf Gegentore und damit genauso viele wie in den ersten neun Ligaspielen zusammen. An Spieltag acht standen die Wolfsburger noch auf Rang zwei, inzwischen sind sie auf den zehnten Platz abgerutscht. Ihre erst zehn Gegentreffer sind zwar Ligabestwert, allerdings kommen sie auch nur auf elf eigene Tore. Nur der 1. FC Köln hat noch eines weniger erzielt. In diesem Zusammenhang waren die letzten Gegner von größerem Kaliber als noch zu Saisonbeginn. Hinzu kommt, dass Topscorer Wout Weghorst seit vier Spielen torlos ist. In den vergangenen drei Bundesligaspielen ging sogar die gesamte Wolfsburger Mannschaft ohne Treffer vom Feld. Beim Gastspiel in Frankfurt wird sich zeigen, ob sich die Wölfe vor der Länderspielpause nur in einem Formtief befanden oder schon auf eine Talfahrt zusteuern.

Trainer

Oliver Glasner heißt seit dem Sommer der neue Cheftrainer der Wolfsburger. Er übernahm den Posten von Bruno Labbadia. Der 45-jährige Österreicher kam vom Linzer ASK, mit dem er vergangene Saison den zweiten Platz in der österreichischen Bundesliga erreichte, was gleichbedeutend war mit dem Einzug in die Qualifikationsphase für die UEFA Champions League. Dennoch entschied sich der ausgewiesene Teamplayer für die Chance, in der deutschen Bundesliga Fuß zu fassen. Der gebürtige Salzburger musste seine Spielerkarriere, die er größtenteils beim SV Ried verbrachte, aufgrund einer schweren Kopfverletzung 2011 beenden. Von 2012 bis 2014 lernte der gebürtige Salzburger als Co-Trainer unter Roger Schmidt beim FC Salzburg das Trainerwesen kennen. Der studierte Diplom-Kaufmann kehrte dann zu seinem Stammklub, dem SV Ried, zurück, um dort als Cheftrainer zu arbeiten. Allerdings nur für eine Saison, ehe er beim LASK anheuerte. Für vier Spielzeiten leitete er die Geschicke der Linzer, bevor es 2019 zum VfL Wolfsburg ging. Mit im Gepäck hatte er übrigens den Offensivspieler João Victor, den er schon in Linz trainierte.

Taktiktafel

Glasner lässt seine Mannen in einem 3-4-3 beziehungsweise einem 5-4-1 auflaufen. Das verschaffte den Wölfen zu Saisonbeginn eine beeindruckende defensive Stabilität. In diesem System fällt den beiden Außenverteidigern eine sehr wichtige Rolle zu. Jérôme Roussillon links und William rechts stehen in Ballbesitz meist sehr hoch, um so eine Überzahl auf den Flügeln zu schaffen. Die beiden verfügen über ein enormes Tempo, was den gegnerischen Außenverteidigern oft zum Verhängnis wird. Wenn der Gegner in Ballbesitz ist, lassen sich die beiden zurückfallen und unterstützen die drei Innenverteidiger. Josuha Guilavogui lässt sich im Spielaufbau oft etwas fallen, um hinten abzusichern und das Spiel aus der Tiefe heraus zu eröffnen. Maximilian Arnold übernimmt dabei den etwas offensiveren Part der beiden Sechser. Zielspieler ist die niederländische Tormaschine Wout Weghorst. Der großgewachsene Mittelstürmer ist mit acht Toren in 17 Pflichtspielen so etwas wie die Lebensversicherung der Wolfsburger. Unterstützung erhält er von den beiden Halbstürmern, die nominell etwas hängend agieren, aber grundsätzlich ihrer Kreativität freien Lauf lassen, sich ins Mittelfeld fallen lassen, auf die Flügel ausweichen oder in die Spitze vorstoßen können. Hier wechselt Glasner zwischen João Victor, Felix Klaus, Josip Brekalo, Lukas Nmecha, Renato Steffen und Admir Mehmedi.

Spieler im Fokus: Josip Brekalo

Josip Brekalo kam im Sommer 2016 als 18-jähriges und vielversprechendes Talent von Dinamo Zagreb aus Kroatien. In seiner ersten Saison kam der gelernte Linksaußen allerdings nur auf vier Kurzeinsätze und schloss sich deshalb im Winter leihweise dem Zweitligisten VfB Stuttgart an. Mit dem VfB stieg er in die Bundesliga auf. Dort verbrachte Brekalo auch noch die Hinrunde der Saison 2017/18. Im Januar 2018 kehrte der Kroate wieder zum VfL Wolfsburg zurück. In der Rückrunde kam er in fast jedem Spiel zum Einsatz. Schlussendlich kam er auf vier Tore und zwei Vorlagen in 27 Einsätzen in der Saison 2017/18. Die darauffolgende Spielzeit verlief sehr ähnlich. In 25 Einsätzen standen für Brekalo drei Tore und drei Vorlagen zu Buche. In der aktuellen Spielzeit steht er schon nach elf Einsätzen bei zwei Treffern und drei Assists und ist damit Topvorlagengeber in der Autostadt. Auch in der UEFA Europa League und dem DFB-Pokal konnte der 21-Jährige jeweils einen Treffer beisteuern.

Seine Leistungen verhalfen ihm nicht zuletzt zur Berufung in die Nationalmannschaft. Am 15. November 2018 feierte er sein Debüt in der Nations League mit einem 3:2-Sieg über Spanien. Seitdem gehört er zum engeren Kreis der Mannschaft von Trainer Zlatko Dalic. Erst am vergangenen Samstag qualifizierte er sich mit seinem Heimatland für die Europameisterschaft 2020. Kroatien lag 0:1 gegen die Slowakei zurück, mit Brekalos Einwechslung für Ante Rebic gelang die Wende zum 3:1 und der Gruppensieg.

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