Dass der vormals als spielzerstörend empfundene Calcio wieder an Attraktivität gewonnen hat, hängt auch mit Lazio Rom zusammen, der Tormaschine aus der ewigen Stadt.

Situation

Nur zehn Minuten hatten am letzten Spieltag der Serie-A-Saison 2018/19 gefehlt und Lazio Rom würde statt in der UEFA Europa League im Konzert der ganz Großen mitmischen - in der UEFA Champions League. Da im Fußball der Konjunktiv jedoch bekanntlich noch nie der große Heilsbringer war, verwandelte Inter Mailands Matías Vecino das Olympiastadion ins Tal der Tränen, als er in der 81. Minute zum 3:2-Sieg für Inter Mailand traf. Das Paradoxe an dieser Konstellation war, dass Lazio in vielen anderen Ligen wie in Deutschland aufgrund des besseren Torverhältnisses trotzdem für die UEFA Champions League berechtigt wäre, während in der Serie A der direkte Vergleich zählt.

Insofern waren die 89 erzielten Tore zwar ein bemerkenswerter Spitzenwert, besaßen aber letztlich mehr kosmetische als sportliche Wirkungskraft. So oder so darf sich Europa auf eine spielfreudige Einheit freuen, zu der mit Ciro Immobile und Milan Badelj zwei ehemalige Bundesligalegionäre zählen. Letzterer fügt sich in die Reihe der vergleichsweise preiswerten Neuzugänge um Joaquín Correa, Francesco Acerbi oder Valon Berisha ein, welche die Auswahl für Trainer Simone Inzaghi in allen Mannschaftsteilen erweitert. Dem gegenüber stehen etwa die Abgänge von Leistungsträgern wie Offensivakteur Felipe Anderson und Innenverteidiger Stefan de Vrij, wohingegen Mittelfeldstar Sergej Milinkovic-Savic überraschend in der Hauptstadt blieb.

Derlei Ausnahmekönner bilden in der einst von Stürmerlegenden wie Christian Vieri und Hernán Crespo verwöhnten ewigen Stadt mittlerweile die Ausnahme. Entsprechend hinken die sportlichen Tatsachen oftmals den Erwartungen des frenetischen Umfelds hinterher, woran auch der Pokalsieg 2013 wenig ändert, zumal Erzrivale AS Rom insgesamt zuletzt die positiveren Schlagzeilen schrieb. Erst in der vergangenen Saison stieß die Roma bis ins Halbfinale der Königsklasse vor, während "Le Aquile", die Adler aus Italien, im Viertelfinale der UEFA Europa League gegen Salzburg ein 4:2 aus dem Hinspiel noch mit 1:4 aus der Hand gaben.

Formkurve

Vom römischen Spektakel war im Spätsommer eher wenig zu bestaunen. Schon die ersten beiden Spiele gingen verloren, wenngleich sowohl der SSC Neapel (1:2) als auch Juventus Turin (0:2) nicht die Kragenweite der "biancocelesti" darstellen. Doch dann folgten wettbewerbsübergreifend fünf Siege in Serie, darunter das 2:1 gegen Apollon Limassol zum Start in die UEFA Europa League, ehe es am vergangenen Samstag wieder eine Pleite setzte - ausgerechnet im Prestigeduell bei der Roma unterlag man 1:3.

Trainer

Schon als Profi musste sich Simone Inzaghi alles hart erarbeiten: Einsätze, Tore, aber auch Aufmerksamkeit. Denn früher wie heute verbinden viele den Nachnamen zuerst mit dem ungleich prominenteren Bruder Filippo. Zwar kann der wie "Superpippo" ehemalige Stürmer keine vergleichbar glorreiche Spielerkarriere vorweisen, ist aber auf dem besten Wege, sich als Trainer einen noch größeren Namen zu machen. Nach sechs erfolgreichen Jahren als Nachwuchstrainer von Lazio nutzte der 42-Jährige im April 2016 die Gunst der Stunde, indem er Lazio als Interimstrainer wieder auf Kurs brachte. Nachdem im Vorfeld der darauffolgenden Saison dann eigentlich Marcelo Bielsa als neuer Cheftrainer eingeplant war, der Argentinier aber kurz nach seiner Verpflichtung das Handtuch warf, erinnerte sich die Klubführung an ihren Novizen, der in seiner ersten kompletten Spielzeit ins Finale der Coppa Italia einzog und am 13. August 2017 gegen Juventus Turin die Supercoppa Italiana errang (3:2). Es war der erste Vereinstitel seit vier Jahren.

Taktiktafel

Mit Lazio Rom verhält es sich wie beim Schach: Wer das Zentrum beherrscht, kontrolliert das Geschehen. Das häufig praktizierte 3-5-1-1-System ermöglicht in der Mitte eine kompakte Kampfzone, was aber nicht zwangsläufig mit Catenaccio gleichzusetzen ist. Vielmehr generiert die numerische Überzahl auch bei Ballbesitz ein spielerisches Übergewicht, was bei den technisch beschlagenen Himmelblauen mit einem gepflegten Spielaufbau einhergeht. An dessen Ende meist verlässlich der einzige Mittelstürmer Ciro Immobile für Zählbares sorgt.

Spieler im Fokus: Ciro Immobile

So "bewegungslos", wie sich "immobile" übersetzen ließe, ist der italienische Sturmtank nicht einmal. Das gilt nicht weniger für die Varianz seiner bisherigen Karriereabschnitte, die den ehemaligen Nachwuchsspieler von Juventus Turin durch halb Europa führten. Nachdem der 1,85-Meter-Mann 2014 beim FC Turin mit 22 Toren die ligaweit meisten erzielt hatte, folgte er dem Lockruf Borussia Dortmunds, wo er seinerzeit den Weggang Robert Lewandowskis kompensieren sollte. Eine Herausforderung, die beim damals sich im Umbruch befindenden BVB zu groß war, weshalb der 33-fache Nationalspieler nach Intermezzi beim FC Sevilla und wieder dem FC Turin 2016 bei Lazio Rom anheuerte und endlich wieder sein volles Potential zu entfalten vermochte. Nach 21 Buden im ersten Jahr legte er 2017/18 nochmal nach: 29 Tore in 33 Serie A-Einsätzen - zum zweiten Mal Torschützenkönig! Acht Treffer in neun Europapokalpartien - ebenfalls Torschützenkönig! Auch in diesem Spieljahr scheint der Torhunger des 28-Jährigen ungestillt, wie schon wieder fünf Pflichtspieltreffer belegen.

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