Unser Klubmagazin "Eintracht vom Main" spricht jeden Monat für die Rubrik "Übersteiger" mit SGE-Legende Jan-Aage Fjörtoft. Themen diesmal: Respekt, Integration und Motivation.

Jan-Aage Fjörtoft: "Für mich ist die Kabine der wichtige Ort für Integration auf der ganzen Welt."
Jan-Aage Fjörtoft: "Für mich ist die Kabine der wichtige Ort für Integration auf der ganzen Welt."

Wenn jeden Monat das Klubmagazin "Eintracht vom Main" erscheint, ist auch die Interview-Kolumne "Übersteiger" mit Ex-Adlerträger Jan-Aage Fjörtoft fester Bestandteil des Hefts. In der Februar-Ausgabe sprechen wir mit dem norwegischen Publikumsliebling über die wichtigen Themen Respekt, Integration und Motivation. Für unseren einstigen Knipser steht dabei eines fest: "Fischer, Kovac und Boateng sind echte Typen, die der Eintracht gut tun."

Jan, lass uns über Motivation sprechen. In deiner Heimat Norwegen machte kürzlich Trainer Ronny Daila von Valerenga IF auf sich aufmerksam, der eine Ansprache an sein Team splitterfasernackt hielt.

Das war beim Auswärtsspiel gegen Brann Bergen. Er wollte seinem Team zeigen, dass man sich alles trauen kann und am Ende haben sie sogar das Spiel gewonnen. Oft macht man es sich im Fußball nach solchen Aktionen aber auch einfach: Wenn du gewinnst, heißt es, du hast alles richtig gemacht und es war ein genialer Schachzug. 

Hast du in deiner aktiven Zeit einen vergleichbaren Motivationsversuch erlebt?

Bei Rapid Wien spielte ich unter dem legendären Hans Krankl. Ich war damals erst 22 und es stand zur Halbzeit 0:0. Da hielt er mir eine volle Mülltonne direkt vors Gesicht und meinte: „Ich schwöre, du kannst nicht mal dieses Ding ausspielen!“. Kurz dachte ich, dass er vielleicht recht haben könnte (lacht). Am Ende traf ich aber und wir haben gewonnen. Er hatte also den richtigen Kniff gefunden, um mich zu motivieren.  

In der Bundesliga hat Christoph Daum seine Spieler mal über Glasscherben laufen lassen, bei der Eintracht hat Klaus Toppmöller bereits Anfang der 90er einen lebenden Adler mit in die Kabine gebracht - lange bevor unser Maskottchen Attila zu jedem Heimspiel in die Arena kam. Bringen solche abgefahrenen Aktionen wirklich etwas oder schütteln die Spieler heimlich den Kopf?

Du musst zumindest so tun, als ob du es machst und du daran glaubst, um nicht bestraft zu werden (lacht). Doch mal im Ernst: Fußballer werden ja manchmal als nicht sehr intelligent dargestellt. Aber Spieler durchschauen einen Trainer wahnsinnig schnell und wissen im Grunde sofort, ob ein Trainer authentisch ist oder nicht. So wie Niko Kovac: Die Mannschaft weiß, dass er meint was er sagt, sei es bei der Taktik oder bei den Gründen, warum ein Spieler vielleicht nicht spielt. Er verlangt einiges von ihnen, ist aber immer offen und ehrlich und steht für gewisse Werte. Das zeichnet ihn meiner Meinung nach aus. 

Sein Anforderungsprofil scheint in der Tat ziemlich klar zu sein, dazu zählen Leistungsbereitschaft, Mannschaftsgeist und die nötige Demut. Außerdem hat das Lernen der deutschen Sprache hohe Priorität, um die Integration zu beschleunigen.

Für mich ist die Kabine der wichtige Ort für Integration auf der ganzen Welt, egal ob du bei einem norwegischen Dorfklub oder einem europäischen Top-Team gegen den Ball trittst. Es freut mich total zu sehen, wie man bei der Eintracht mit diesen vielen Nationen umgeht. Dieser Teamgeist und dieser Zusammenhalt machen die Mannschaft für mich so stark. Das ist das Tolle am Fußball: In der Kabine ist jeder gleich, egal ob er zu Gott, Buddha, Allah oder gar nicht betet, egal ob er schwarz oder weiß ist - in der Kabine bist du einfach nur Fußballer. Der Sport kann die Menschen zusammenbringen, auch auf den Rängen. Fast jeden Tag erzähle ich Politikern, wie wichtig der Sport als Plattform ist. 

Apropos Politik: Eintracht-Präsident Peter Fischer hat sich unlängst öffentlich für die Werte im Verein eingesetzt und sich dabei auch gegen die als rechtspopulistisch geltende „Alternative für Deutschland“ positioniert. Eine etwas philosophische Frage: Wie politisch darf der Fußball sein?

Zu allererst muss ich Peter Fischer zu seiner Wiederwahl mit 99 Prozent der Stimmen gratulieren, solche Ergebnisse erreichen sonst nur Leute wie Leonid Breschnew, der Parteichef zu Zeiten der Sowjetunion (lacht). Diese Debatte vorher habe ich sehr genau verfolgt und im Grunde dreht es sich auch hier wieder um Werte. 

Was genau meinst du damit?

Bei jedem Verein sollten Respekt und Integration ganz oben stehen. Im Bezug auf Parteien ins Detail zu gehen, ist sicher alles andere als einfach und eine Gratwanderung. Wo zieht man die Grenze, wie weit wagt man sich vor? Ich bewundere Peter Fischer ein Stück weit dafür, dass er diesen schwierigen Weg gewählt hat. In einer Demokratie muss man mit allen Parteien und Meinungen erst einmal leben, andererseits finde ich es aber auch in Ordnung, dass unser Präsident sich klar positioniert, wenn die Wertevorstellungen sich so stark unterscheiden. Als Fan und gerade als Mitglied sollte man die Geschichte seines Vereins kennen und wissen, wofür er steht.

Womit wir wieder bei Authentizität wären.

Ich weiß, dass Peter Fischer authentisch ist und er einfach seine Werte verteidigen will. Er will, dass seine Eintracht für gewisse Werte steht. Das ist sein gutes Recht, gerade als Präsident. Der Zuspruch auf der Mitgliederversammlung zeigt, dass er nicht alleine steht. 

Wenn man so will, hat die Eintracht ihrem Namen alle Ehre gemacht. 

Fußball ist für mich Integration und Respekt. Wenn wir diese Werte nicht mehr haben, können wir auch aufhören zu spielen. Das Schlüsselwort unseres Gesprächs ist „authentisch“: Vom Präsidenten über den Trainer bis zu den Spielern muss jeder authentisch sein. Wer schauspielert, wird schnell durchschaut. Daher glaube ich an die Wertevorstellungen von Peter Fischer und Niko Kovac, genauso wie an Boateng und seinen Kampf gegen Rassismus. Weil sie alle echte Typen sind, die der Eintracht gut tun. 

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