So könnte sich Frederik Rönnow dieser Tage getrost für seine Beharrlichkeit abfeiern. Dennoch kam es dem Torhüter in der Vergangenheit zugute, Fußball nicht als sein Lebenselixier zu verstehen.

Wenn privates und sportliches Glück über Nacht verschmelzen: Frederik Rönnow hat dieser Tage allen Grund zur Freude. Seine Kollegen gönnen es ihm.
Wenn privates und sportliches Glück über Nacht verschmelzen: Frederik Rönnow hat dieser Tage allen Grund zur Freude. Seine Kollegen gönnen es ihm.

Dabei ist nicht so, dass der Däne aus Zufall seinen Lebensunterhalt zwischen Strafraumkanten und Torrahmen verdient. „Schon als Kind war mein Berufswunsch Fußballprofi“, verriet der große Fan von Peter Schmeichel im vergangenen Mai. Und tatsächlich verlief die Karriere lange Zeit wie am Schnürchen. Beim Heimatklub AC Horsens mit 19 Jahren zum Profi gemacht, verschlug es den 1,90-Meter-Mann erst leihweise zu Esbjerg fB, anschließend zu Bröndby IF. Vom Vorort Kopenhagens dann 2018 der große Schritt vom dänischen zum deutschen Pokalsieger: Eintracht Frankfurt, wo er Lukas Hradecky beerben sollte, bemerkenswerterweise genau wie bei den zwei vorhergehenden Vereinen.

Doch der Weg zum Eins-zu-eins-Ersatz war für den seinerzeit als bester Eins-gegen-eins-Torhüter der Superligaen geltenden Nachfolger war von Beginn an von Stolperfallen geprägt. Eine gänzlich neue Erfahrung für den 27-Jährigen‚ der erstmals außerhalb der skandinavischen Landesgrenzen lebt. Als klare Nummer Eins verpflichtet musste sich der frischgebackene dänische Vizemeister erst mit dem 0:5 im DFL-Supercup gegen Bayern München und eine Woche später mit dem DFB-Pokalaus in Ulm auseinandersetzen. Die mit 2:0 schadlos verlaufene Bundesligapremiere in Freiburg schien das rechtzeitige Wendemanöver, doch Ende August 2018 streikte plötzlich das Knie. Die erste längere Verletzungspause in Rönnows Laufbahn zeichnete sich ab. Kevin Trapp kam, überzeugte – und Rönnow musste sich erstmal hintenanstellen.

Erstmal Piano

Das tat der dänische Nationaltorwart zwar klag-, aber längst nicht tatenlos. „Ich muss das Beste aus der Situation machen, hart arbeiten, nie aufgeben und da sein, wenn ich gebraucht werde“, wusste der abgeklärte Blondschopf die Klaviatur des Geschäfts gekonnt zu spielen – nicht nur im übertragenen Sinne.

Während manch unfreiwillig zurückgestufter Vollprofi mit seinem Frust alleine geblieben wäre, wusste sich der Neuzugang abzulenken, etwa durch regelmäßige Übungsstunden am Klavier. Überhaupt gibt er zu: „Ich sehe gar nicht so viel Fußball, widme mich lieber der Musik. Hip-Hop, R’n’B, auch klassische Sachen und Jazz“, sind der Vielfalt keine Grenzen gesetzt. Weshalb sich Rönnow trotz anfänglicher Sprachschwierigkeiten relativ rasch in der Mainmetropole eingelebt hat. „Frankfurt ist ähnlich wie Kopenhagen eine international geprägte Stadt, in der die Leute viel Englisch sprechen.“ Kaum verwunderlich, dass Menschenfreund Freddy regelmäßig in der Kleinmarkthalle anzutreffen ist. Den Kenner kulinarischer Köstlichkeiten zieht es mit Freundin Sarah öfters zum immer selben Stand, „wo wir immer mit offenen Armen empfangen werden und manchmal spezielle Extras erhalten“, war auch zu sportlich schwierigen Zeiten von Wehmut keine Spur. Rönnow betont gerne: „Im Fußball ist es wie im normalen Leben. Es gibt Höhen und Tiefen.“

Wenngleich das Schicksal im vergangen Sommer endgültig als mieser Verräter erschien. Konkurrent Trapp nach abgelaufener Leihe zunächst zurück nach Paris, Rönnow längst fit und heiß, sich mit einem Jahr Verzögerung zu beweisen. Aber erneut machte die Gesundheit dem frischgebackenen Vater einen Strich durch die Rechnung, als er sich im Torwarttraining an der Schulter verletzte. Das Déjà-vu verstetigte sich: Trapp kehrte endgültig an den Main zurück, Rönnow gab sogar die Eins ab, der Teufelskreis schien unzerstörbar: Ohne Spielpraxis kein Rhythmus, ohne Rhythmus keine Sicherheit, ohne Sicherheit keine Spielpraxis…

Gute Karten, schlechte Karten

Klarer Fall von Denkste! Es hat fast etwas von der Nibelungensage, wie Trapp, der nebenbei am 6. Juni 2017 ausgerechnet gegen Dänemark mit Rönnow im Kasten sein Nationalelfdebüt gefeiert hatte, nach einem Zusammenprall mit Makoto Hasebe seinerseits an der Schulter laboriert und bis mindestens Ende des Jahres außer Gefecht ist. Nur, dass Rönnow eindeutig mehr Held als Verräter ist. Das zeigt allein die Tatsache, dass die aktuelle Nummer 32 das wohl beste Verhältnis zu einem weiteren kollegialen Keeper pflegt: Jan Zimmermann. „Zimbo hat sich von Anfang an um mich gekümmert, war für mich Mentor, Übersetzer und Helfer in einem. Mit ihm kann ich sowohl über torwartspezifische, als auch über alle Themen abseits des Fußballs reden“, schwärmt Rönnow, dessen Leidenschaft für Kartenspiele ein offenes Geheimnis ist. Seit gemeinsamen Skatrunden während des Wintertrainingslagers in Florida sind er, Zimmermann und Sebastian Rode ein eingespieltes Team.

Wovon vor dem Comeback im Auswärtsspiel beim Vitória SC nicht unbedingt die Rede sein konnte. Ohne Abwehrchef Hasebe, der während bei besagter Szene bei Union Berlin zwar mit dem Schrecken, aber auch einer Gehirnerschütterung davongekommen war. Ohne Kapitän David Abraham. Mit der Hypothek einer 0:3-Auftaktniederlage und persönlich dem bis dahin letzten Pflichtspiel am 13. Dezember 2018 bei S.S. Lazio im Bewusstsein. Doch so lang der Geduldsfaden, so reißfest waren die Nerven bei Rönnow, der hielt, was zu halten war, ein Mal mit dem Pfosten im Bunde war und am Ende beim 1:0 im siebten Spiel die vierte weiße Weste wahrte. „Wenn er gefordert war, war er da. Er hat ruhig und sachlich gespielt“, lobte hinterher Sportvorstand Fredi Bobic ebenso wie Cheftrainer Adi Hütter: „Freddy hat seinen Teil dazu beigetragen, dass wir zu Null gewonnen haben.“

Der Gehuldigte selbst fand es zwar ebenso wichtig, keinen Gegentreffer kassiert zu haben, vor allem aber, „war das ein ganz wichtiges Spiel und ein entsprechend wichtiger Sieg.“ Welcher zwar drei Tage darauf gegen Werder Bremen um Haaresbreite nicht gelang, wobei den Schlussmann aber die geringste Schuld traf. Beim 0:1 rettete er zuvor in höchster Not gegen den auf ihn zustürmenden Joshua Sargent und bestätigte damit eindrucksvoll die einstigen Vorschusslorbeeren in Bezug auf das Duell Mann gegen Mann. Auch vor der Entstehung des Foulelfmeters zum 2:2 war Rönnow auf vergleichbare Weise zur Stelle. Für den Umstand, dass die Gegner in den vergangenen 180 Minuten drei Mal Aluminium trafen, muss sich der Pechvogel der vergangenen eineinhalb Jahre beileibe nicht entschuldigen. Für den Überauftritt am vergangenen Freitag gegen Leverkusen, als sich Rönnow mit zehn abgewehrten Schüssen zu einem neuen ligaweiten Saisonrekord parierte erst recht nicht. „Ich bin im Moment einfach nur glücklich und stolz, es war ein sehr emotionales Spiel für mich. Ich habe immer hart trainiert und auf den Moment hingearbeitet, als ich gebraucht wurde. Der ist nun gekommen.“ Es ist an der Zeit.

Dieser Text erschien so ähnlich am Freitag, 18. Oktober, im neuen Klubmagazin von Eintracht Frankfurt.

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