Die Eintracht steht als einzige deutsche Mannschaft im Viertelfinale des Europapokals. Das steckt dahinter.

Es lief bereits die 70. Spielminute zwischen dem FC Internazionale Milano und Eintracht Frankfurt, als es Kevin Trapp scheinbar doch etwas zu ruhig wurde und er sich mit einem gezielten Abschlag in die Füße des Gegners selbst zu einer der wenigen notwendigen Rettungstaten zwang. Dass Kevin über weite Strecken allein in seinem Gehäuse war – und in vielen richtigen Augenblicken bärenstark antizipierend das Leder aus der Luft fischte – hatte er zwangsläufig dem kompromisslosen Auswärtsauftritt seiner Vordermänner zu verdanken, die damit die Forderung ihres Rückhalts fast schon übertrafen, der im Vorfeld prophezeit hatte: „Wir müssen leidensfähig sein.“

Angefangen beim weiter an der Nase malträtierte Makoto Hasebe, der mit nun 156 Pflichtspielen für die SGE zu Cha Bum-kun, dem bislang alleinigen Rekord-Asiaten im Adler-Dress, aufschloss. Und weitere zwei umsichtige Bewacher neben sich wusste: Links den schlichtweg fehlerlosen und auch im Spielaufbau zielsicheren Evan Ndicka. Rechts den erneut stabilen Martin Hinteregger, seit gestern gemeinhin als Inter-Hacker bekannt. Davor räumte der vor Lauf- und Spielfreude nur so strotzende Sebastian Rode alles ab, was ihm in die Quere kam und musste sich nach 89 Minuten allein vor seinem Körper kapitulieren. Nicht nur auf den entfesselten Winterneuzugang bezogen lobte Christian Peintinger im Anschluss: „Jeder einzelne Spieler hat alles gegeben, um ins Viertelfinale zu kommen. Einige Spieler waren am Ende von Krämpfen geplagt und sind trotzdem jeden Meter zurückgelaufen.“ Der Österreicher hatte zusammen mit Armin Reutershahn die Geschicke an der Seitenlinie geleitet und in der nächsten magischen Nacht im Namen des zum Zuschauen verdammten Landsmannes Adi Hütter den nächsten Champions-League-Teilnehmer zu Fall gebracht. Das Fehlen des nominellen Chefs rund um die 90 Minuten war bemerkenswert unbemerkt geblieben, was die Teamfähigkeit dieser verschworenen Truppe genauso untermauerte wie die nahtlosen Integrationen im zentralen Mittelfeld, gemeinhin dem Herzstück einer Mannschaft, wo Jetro Willems und später Jonathan de Guzman zumindest in den ersten beiden Spielfelddritteln ihre Aufgaben zuverlässig erfüllten.

Wünsch dir was

Doch auch im letzten Drittel ließen sich die Hessen erbarmungslos früh und oft blicken, womit sie die heimstarken Hausherren gewissermaßen überrumpelten. Dem Lattentreffer Sébastien Hallers folgte das Tor des Tages durch Luka Jovic, es war der Anfang vom Ende für die Italiener. Die Szenerie hatte rückblickend etwas von Wünsch-dir-was: „Wir wollen morgen lange die Null halten. Wenn wir ein Tor erzielen, haben wir gute Chancen auf das Weiterkommen“, war Peintinger schon am Mittwoch überzeugt. Der gerade vom erfolgserfahreneren Trapp seit Monaten beschworene Appell an den unbeirrten Glauben an die eigene Leistungsstärke war im altehrwürdigen San Siro mit jeder Faser greifbar, wie auch Sportdirektor Bruno Hübner die nonstop mutige Herangehensweise interpretierte: „Wir haben schon im Hinspiel im zweiten Durchgang gemerkt, dass wir sie packen können. Und genau mit diesem Selbstbewusstsein sind sie in das Spiel gegangen.“ Sodass letztlich einzig Milan-Goalie Samir Handanovic oder die eigene Chancenverwertung beziehungsweise inkonsequente Ausführung der Kontersituationen die Nerazzurri am Leben hielt, weshalb sich die Gäste insbesondere bei Standardsituationen, insgesamt kam Internazionale auf sieben Ecken, einer überschaubaren Anzahl brenzliger Situationen erwehren mussten. Das Bemerkenswerte an der ganzen Geschichte: Die europäischen Himmelsstürmer verfielen keineswegs in Panik, sondern spielten nicht zuletzt in der Schlussphase lieber ein Mal mehr zurück, als einen unnötigen Ballverlust zu riskieren, sodass um kurz vor elf die Eintracht als einziger Bundesligist in der Runde der besten Acht der diesjährigen Europokalwettbewerb feststand. Dem anständigen Arrivederci des letzten Mohikaners an die Italiener folgte bald ein herzliches Happy Birthday der über 15.000 mitgereisten, den halben Oberrang füllenden Frankfurt-Fans für Präsident Peter Fischer, der sich wohl kein schöneres Geschenk zu seinem 63. Geburtstag hätte vorstellen können als den ersten Viertelfinaleinzug der Eintracht seit 25 Jahren und einen neuen europäischen Auswärtsfanrekord! Zumal Frankfurt seit nun 14 Partien in der UEFA Europa League ungeschlagen ist, was ebenso einen deutschen Rekord bedeutet wie der achte Dreier innerhalb einer Saison. Wettbewerbsübergreifend sind die Adlerträger 2019 ohnehin unbesiegt – seit mittlerweile zwölf Begegnungen.

So stand dem Catenaccio-Ergebnis ein einer Reifeprüfung gleichendes Erlebnis gegenüber, das Christian Peintinger überschwänglich zusammenfasste: „Für mich persönlich war es ein aufregendes Ereignis, unsere Mannschaft vor so einer tollen Kulisse coachen zu dürfen. Es war ein überragendes Gefühl, am Ende noch mal mit den Fans zu feiern. Es war ein Highlight in meiner Karriere.“ Mit dieser Meinung steht er sicher nicht allein.

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