Die Gefühlswelten waren in den vergangenen Wochen ähnlich unbeständig wie das Aprilwetter. Warum eigentlich?

Die gegenwärtige Unzufriedenheit, die hier und da herrscht, ist bei einem Blick auf die nackten Zahlen zunächst schwer nachzuvollziehen. Die Eintracht steht nach dem 31. Spieltag auf Platz vier, ist im Halbfinale der UEFA Europa League und hat im April in jedem Wettbewerbs jeweils nur eine Niederlage hinnehmen müssen, in diesem Kontext im Heimspiel gegen SL Benfica an der eigenen Legende gebastelt. Auf der anderen Seite steht jeweils auch lediglich ein Sieg zu Buche, die Unentschieden beim VfL Wolfsburg und gegen Hertha BSC bedeuteten zwar zwei Zähler mehr als gegen diese Gegner in der Hinrunde, aber: „Ein Punkt aus zwei Heimspielen ist zu wenig“, wie Adi Hütter auf der Pressekonferenz befand. Zumindest, um die Chance auf die Königsklasse beim Schopfe zu packen.

Die Ernsthaftigkeit dieses Unterfangens ließ sich allein an der Startaufstellung ablesen. Der Cheftrainer nahm wie angekündigt keine Rücksicht auf die bevorstehenden buchstäblichen Englischen Wochen gegen den Chelsea FC, sondern schickte die in seinen Augen stärkste Elf ins Rennen. Das nachvollziehbare Paradoxon der angenommenen Anti-Rotation: Im Vergleich zum 1:1 in Wolfsburg standen vier neue Akteure auf dem Rasen, was aber erfreulichen Umständen geschuldet war: Gelson Fernandes kehrte von seiner Gelb-Rot-Sperre und Martin Hinteregger aus dem Krankenstand zurück, Ante Rebic hatte seine Wadenprobleme auskuriert und mit Jonathan de Guzman vertrat der Torschütze aus der Autostadt den kurzfristig ausgefallenen Mijat Gacinovic.

Viel Physis, wenig Fußball

90 Spielminuten und 10:10 Torschüsse später redete Hütter nicht lange um den heißen Brei herum und ordnete das 0:0 als nicht zufriedenstellend ein. „Wir haben nie zu unserem Spiel gefunden.“ Alibis standen gestern Abend auf dem Index, wozu auch speziell die Arbeitsnachweise der Adlerträger keinen Anlass gaben. Neben einer marginal besseren Zweikampfquote behielten die Hausherren in sämtlichen Laufwerten kollektiv die Oberhand. Bezeichnend, dass die vier sprintstärksten Spieler auf dem Platz alle aus Frankfurt kamen: Den Flügeln Danny Da Costa (34) und Filip Kostic (33) folgten David Abraham und Rebic mit je 28 Sprints. Dass die Flügelzange mit Da Costa und Kostic mit 89 und 87 intensiven Läufen in beiden Lagern ihresgleichen suchte, bedarf mittlerweile eigentlich keiner Erwähnung mehr, andererseits zu diesem Zeitpunkt der Saison gewissermaßen doch, führten sie doch stellvertretend für die Hessen die Müdigkeitsdebatte ab absurdum.

Zumindest hinsichtlich der körperlichen Leistungsfähigkeit. Augenscheinlich waren nämlich die unverhältnismäßig vielen technischen Unzulänglichkeiten. In der Spitze beim Torabschluss: So stellte Kostic mit zehn Flanken wieder alle in den Schatten – Herthas Marvin Plattenhardt kam als fleißigster Zulieferer auf fünf Hereingaben, also nur halb so viele. Nur fanden jene zu selten einen Abnehmer oder wenn es soweit war keinen zuverlässigen. So setzte de Guzman eine scharfe Linksflanke von Rebic aus vier Metern über das Gehäuse. Allerdings die Verantwortung nur den Fehlschützen zuzuschieben, wäre sicher zu einfach. Generell hakte es nämlich im Spielaufbau, auf allen Ebenen. Exemplarisch stand an der Spitze der teaminternen Fehlpassliste ein Vertreter aus jedem Mannschaftsteil: Da Costa (14), Hinteregger (14), Rebic (13), Trapp (neun).

„Gut oder sensationell“

Entsprechend stahl sich auch keiner des Teams aus der Verantwortung. Ob Abwehrchef Makoto Hasebe, der „zu viele einfache Ballverluste“ bemängelte oder Hinteregger: „Wir hatten zu viele technische Fehler, dann mussten wir zu viel nachlaufen. Auch ich habe zu viele Fehler im Spielaufbau gemacht.“ Dass ein Feingeist wie Gacinovic spielerisch geholfen hätte, war dieser Tatsache ebenso wenig förderlich wie das Fehlen von Speerspitze Sébastien Haller, ohne den die Waffe der langen und zweiten Bälle ungleich stumpfer ist.

Verlass war nichtsdestotrotz trotz des ungemütlichen Wetters und unschönen Fußballspiels auf die Unterstützung von den Rängen. „Ohne die Fans, die uns heute getragen haben, hätten wir richtige Probleme bekommen“, wusste Sportvorstand Fredi Bobic. Und ohne Kevin Trapp, der in der Nachspielzeit bravourös im Eins-gegen-eins gegen Per Skjelbred rettete, nicht mal einen Punkt. Worauf der Schlussmann im Nachgang allerdings nicht groß eingehen wollte, sondern anderweitig Einblick in sein Inneres gewährte: „Wir haben hart gearbeitet, um in der Tabelle dort zu stehen. Wir wollen Geschichte schreiben, da habe ich Lust drauf. Deswegen müssen wir uns die letzten drei Wochen voll hingeben, um das zu erreichen.“ Was im August unwägbar begann, hat sich innerhalb von acht Monaten in teilweise surreale Sphären entwickelt. Der Verein steht so gut da wie nie im Drei-Punkte-Zeitalter. Zumal für die Eintracht bislang immer, wenn nach 30 Spieltagen 50 Punkte zubuche gestanden hatten, am Ende mindestens Rang vier herausgesprungen war. Mit Blick auf den Mai, dem dann neunten Monat vor der Geburtsstunde erklärt Trapp die Krux der verschobenen Grenzen folgendermaßen: „Wir müssen uns bewusst machen, ob wir eine gute oder eine sensationelle Saison spielen möchten.“

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