Borussia Dortmund hat im Sommer mehr als nur Feinjustierungen vorgenommen. Das Risiko war groß – die Chancen stehen auf Meisterschaft.

Situation

Weil der Doublegewinner von 2012 nach der Klopp-Ära selten mit sportlichen, aber immer öfter mit atmosphärischen Problemen zu kämpfen hatte, unterzog sich der BVB im Sommer nach drei Trainern in 15 Monaten einer Radikalkur. Inklusive der Winterpause kamen neun neue Spieler, Ex-Profi Sebastian Kehl unterstützt die Führungsriege um Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc als Leiter der Lizenzspielerabteilung, außerdem zogen die Verantwortlichen Meistertrainer Matthias Sammer als externen Berater hinzu.

Die Schlüsselfrage des Cheftrainers beantwortete der in der Vorsaison auf den letzten Drücker in die UEFA Champions League gerückte Pokalsieger von 2017 mit Lucien Favre. Unter dem gewieften Bundesligakenner fand die schwarz-gelbe Rasselbande schneller zu ihrem unbekümmerten Spiel zurück als erhofft und grüßt seit Längerem von der Spitze, beschloss auch die Gruppenphase der UEFA Champions League als Erster und steht im Achtelfinale des DFB-Pokals.

Formkurve

Die Erklärung für die leuchtende Außendarstellung der Borussia wirkt schlicht: Sie tritt nicht nur rasant, sondern vor allem siegreich auf – in der Vergangenheit war meist nur eines von beidem der Fall gewesen. 15 Siegen steht bei drei Remis nur eine Niederlage gegenüber. Dabei waren die Westfalen zu Beginn alles andere als unverwundbar, doch am Ende schossen sie regelmäßig mindestens ein Tor mehr als der Gegner. Nach 19 Partien stehen 50 Treffer zu Buche. 17 verschiedene Torschützen sind Vereinsrekord!

Mittlerweile hat Favre seinem stürmischen Personal auch das Verteidigen erfolgreich ins Pflichtenheft geschrieben, wie zum Rückrundenauftakt beim 1:0-Sieg in Leipzig zu sehen war. Nach dem ungefährdeten 5:1 über Hannover weist der BVB mit 48 Punkten so viele Zähler aus wie noch nie nach 19 Spielen. Zu diesem Zeitpunkt eine Tordifferenz von plus 31 gelang nur noch in den Meisterjahren 1994/95 und 2010/11. Die erlangte Stabilität ist umso bemerkenswerter, weil aktuell drei Innenverteidiger verletzt ausfallen.

Trainer

Als Lucien Favre vor elfeinhalb Jahren auf der Bundesligabühne – mit Hertha BSC ausgerechnet in Frankfurt – auftauchte, war er nur Insidern ein Begriff, obwohl der Schweizer bereits zuvor Servette Genf und den FC Zürich auf ein neues Level gehievt hatte. Das gelang dem heute 61-Jährigen nicht weniger mit der Hertha, Borussia Mönchengladbach und zuletzt OGC Nizza, die er allesamt vom Mittelklasseklub zum Anwärter auf die Champions-League-Plätze formte. Berühmt seine eifrigen, handgeschriebenen Notizen während eines Spiels, berüchtigt sein Hang zur Perfektion. Nun hat der liebenswerte Kauz, dem bisweilen der Ruf des Zauderers vorauseilt, mit extremer Detailversessenheit und höchster Fachkompetenz einen Meisterschaftsfavoriten entwickelt, indem er dem Kollektiv innerhalb kürzester Zeit nicht nur nacheinander eine funktionierende Grundordnung, einstudierte Angriffszüge und gnadenloses Abschlussverhalten – unter fünf Schüsse pro Treffer – eintrichterte, sondern es zugleich vermag, jeden Spieler individuell entscheidend voranzubringen.

Taktiktafel

Die Entwicklung Favres vom vermeintlich sturen Übungsleiter zur anpassungsfähigen Königslösung lässt sich vordergründig an der Systematik des BVB veranschaulichen. Galt der 61-Jährige vor allem zu Mönchengladbacher Zeiten als Verfechter des 4-4-2, hat er sich schon in Frankreich zunächst für eine Dreierabwehrkette und später ein 4-3-3 geöffnet. Dieses in unterschiedlichen Ausführungen gehandhabte aktuelle Allerweltsystem gilt auch in Dortmund immer als Option, am meisten findet aber das nicht weniger flexible 4-2-3-1 Anwendung. Mit den Neuzugängen Thomas Delaney und Axel Witsel als laufstarkes und kraftvolles Epizentrum auf der Doppelsechs. Mit offensivfreudigen Außenverteidigern, meist Institution Lukasz Piszczek rechts und die Leihgabe von Real Madrid Achraf Hakimi links. Allein die defensive Flügelzange bringt es bereits auf neun Assists. Dazu vereint die offensive Dreierreihe um Raphael Guerreiro, Marco Reus und Jadon Sancho Zielstrebigkeit und Torgefahr, Tempo und Technik. Und als spielender Mittelstürmer bringt Mario Götze eine zusätzliche Portion Unberechenbarkeit mit. Von Edeljoker Paco Alcacer ganz zu schweigen, der es wie Reus auf zwölf Saisontore bringt.

Auch wenn die technisch versierte Truppe das vertikale Ballbesitzspiel beherrscht, lassen sich die Borussen situativ auch fallen, um ab der Mittellinie Ballgewinne zu provozieren und dann blitzschnell umzuschalten. Zu diesem Zweck schiebt sich Reus gerne neben den zentralen Angreifer, wodurch gegen den Ball das einstige Lieblingssystem Favres zur Geltung entstehen kann.

Spieler im Fokus: Achraf Hakimi

Jene Variabilität bringt auch Achraf Hakimi mit. Zunächst als Entlastung für Veteran Lukasz Piszczek auf der rechten Abwehrseite vorgesehen, ist der 20-Jährige von der linken Flanke nicht mehr wegzudenken. Der Marokkaner schaltet sich bei jeder Gelegenheit nach vorne ein, bringt es schon auf zwei Tore und vier Vorlagen. Seit seinem siebten Lebensjahr bei Real Madrid feierte der Außenverteidiger 2017 sein Profidebüt bei den Königlichen und gewann 2018 die UEFA Champions League. Danach die Leihe an die Ruhr, wo er bis 2020 auf höchstem Niveau Spielpraxis sammeln soll. Was früher eintritt als vielleicht gedacht. Seit dem fünften Spieltag steht der 1,81-Meter-Mann ununterbrochen in der Startelf – mit einer Ausnahme: In Düsseldorf fehlte er im Kader, prompt setzte es die erste und einzige Niederlage in der Liga. Wettbewerbsübergreifend bringt es Hakimi auf 19 Pflichtspiele, sorgte erst mit einem schönen Schlenzer zur Führung gegen Hannover für den Dosenöffner des Kantersiegs.

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