Während der Abschlussreise in China und Hongkong spricht der Cheftrainer über Haltung, Ruhe, Lehren und vieles mehr.

Adi, mit einer Woche Abstand: Wie bewertest du das Abschneiden im abgelaufenen Spieljahr?
Ich empfinde die abgelaufene Saison als sehr positiv, weil wir die uns gesteckten Ziele insgesamt erreicht haben. Wir wollten von vornherein wieder international dabei sein, haben bis zum Schluss um die Champions-League-Plätze gekämpft und haben in der Europa League erst in der Gruppenphase überzeugt, es dann mit unglaublich tollen Leistungen bis ins Halbfinale geschafft und dadurch Sympathien in ganz Deutschland gewonnen. Deshalb bilanziere ich als Trainer die Saison für Mannschaft und Verein als absolut positiv.

Welchen Eindruck konntest du von der Bundesliga gewinnen?
Die Bundesliga unterscheidet sich sicher zu den Stationen, bei denen ich vorher in Österreich und in der Schweiz tätig gewesen bin. Dort steht die Fußballkultur nicht an erster Stelle, wohingegen es in Deutschland das Nonplusultra ist. Das merkt man an den Zuschauern, der Begeisterung und auch der sportlichen Qualität. Wir haben gemerkt, wie eng es während dem Rennen um die internationalen Plätze zugegangen ist. Ich glaube, so viele Punkte hat man schon lange nicht mehr benötigt, um in den Europacup einzuziehen. Ich habe mich in diesem Jahr sehr, sehr wohlgefühlt.

Hättest du mit gewissen Dingen nicht gerechnet?
Rein sportlich gesehen war es vielleicht überraschend, wie schnell wir es geschafft haben, nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Mannschaft zu formen, die die Menschen begeistert hat. Allein in dieser schweren Europa-League-Gruppe weiterzukommen, war eine große Leistung. Was wir anschließend in der K.o.-Phase gegen Champions-League-Mannschaften gezeigt haben, hat mich schwer beeindruckt. Damit einher geht ein unheimlich großes Medieninteresse, woran der Stellenwert des Fußballs in Deutschland deutlich wird. Nicht zuletzt war ich von unseren Fans begeistert, die uns nicht nur in den Heim-, sondern gerade auch in den Auswärtsspielen extrem unterstützt haben. Sie haben jederzeit hinter uns gestanden, auch wenn wir mal verloren haben.

Welche Faktoren siehst du ausschlaggebend für die erfolgreiche Entwicklung?
In erster Linie war es wichtig, das uneingeschränkte Vertrauen der sportlichen Führung um Fredi Bobic und Bruno Hübner zu spüren. Diese Ruhe und Geduld, die meiner Arbeit entgegengebracht wurde, habe ich genossen. Für mich war es natürlich eine ungewohnte Situation, aber ich habe aus meiner zehnjährigen Trainererfahrung auch gewusst, dass ich die Situation meistern würde. Dass es derart schnell gegangen ist, hätte ich in dieser Art und Weise nicht unbedingt erwartet. Deswegen waren Ruhe und Vertrauen ganz wichtige Faktoren, was ich gegenüber der Mannschaft auch versucht habe auszustrahlen. Die Mannschaft ist mir daraufhin gefolgt und hat unsere Spielidee in die Tat umgesetzt.

Woran machst du die begeisternde Europapokalerfahrungen fest?
Das beginnt bei der richtigen Haltung, angefangen beim Verein: Wie sich alle auf die Europa League gefreut haben, war etwas Besonderes. Exemplarisch dafür stand die Nachfrage bei den Blind-Date-Pässen für alle drei Heimspiele in der Gruppenphase, die am ersten Tag vergriffen waren, obwohl nicht einmal die Gegner feststanden. Die Fans waren hungrig auf Europa. Diese Haltung haben wir angenommen und konnten mit dementsprechenden Leistungen überzeugen. Es war unübersehbar, dass wir unbedingt weiterkommen wollten.

Am Ende ging euch scheinbar etwas die Puste aus. Welche Schlüsse zieht ihr daraus für die Zukunft?
Diese Entwicklung gilt es natürlich zu reflektieren. Aber von September bis April haben wir unglaublich erfolgreich gespielt, in jedem Spiel versucht, an die Grenzen zu gehen. Aus psychologischer Sicht hat uns das Ausscheiden in London sicher einen Knick gegeben. Hinzu kommt, dass unsere Konkurrenten eine geringere Belastung hatten und obendrein über starke Kader verfügt haben. Ein Knackpunkt war für mich das Spiel in Wolfsburg, als wir nach der Führung in der Nachspielzeit den Ausgleich kassiert haben. Gegen Hertha BSC hat man gesehen, dass wir am Limit angelangt waren. Vielleicht hat uns auch der Ausfall Sébastien Hallers geschwächt, der für uns ein unheimlich wichtiger Spieler ist. Ebenso wie Sebastian Rode, der zum Schluss ebenfalls ausgefallen ist. Nichtsdestotrotz müssen wir reflektieren, wie wir eine mögliche ähnliche Konstellation nächstes Jahr besser lösen. So mussten wir uns mit Platz sieben begnügen, was aber vor der Saison jeder unterschrieben hätte.


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