Das letzte Dessert von der Transfertheke kommt aus der Lombardei. Es könnte schmackhaft werden.

Es ist nicht mehr als eine Fußnote, aber im Kontext der zweijährigen Ausleihe von André Miguel Valente da Silva womöglich nicht unerheblich, wenn der Neuzugang über seinen neuen Verein zu berichten weiß: „Ich habe einige Spiele in der Europa League verfolgt. Die Auftritte der Eintracht haben mir schon damals imponiert.“ Ab sofort ist André Silva selbst Teil der bevorstehenden Europaabenteuer, die ihm umgekehrt beim abgebenden international nicht zugelassenen Verein AC Milan nicht vergönnt geblieben wären. Da trifft es sich gut, dass sich der 23-Jährige mit dem Tanz auf drei Hochzeiten seit Kindesbeinen bestens auskennt.

Logisch, dass die wenigsten portugiesischen Kinder im Land des amtierenden Europameisters und Ausrichters der EM 2004 am Fußball vorbeikommen. Vergleichbar verhält es sich aber auch mit einer zweiten auf der iberischen Halbinsel populären wie erfolgreichen Disziplin: Inlinehockey. Die zweite sportliche Passion von Silva, so gesehen nicht nur Straßenfußballer, sondern auch Street-Skater, aufgewachsen in der 14.000-Seelengemeinde Baguim do Monte, wo er mit Rollschuhen und dem Schläger in der Hand rasch zum Lokalhelden aufstieg, der bei einem Nachwuchsturnier in Porto sogar zum besten Spieler avancierte. Damit war auf Geheiß des Elternhauses irgendwann Schluss, die Dreifachbelastung aus Fußball, Inlinehockey und natürlich Schule ließ sich nicht mehr vereinbaren.

Opfergabe an der Atlantikküste

Das Opfer war gebracht, die angeeigneten Fähigkeiten aber sind geblieben. Denn wer auf Puckhöhe bleiben möchte, ist auf ein extremes Maß an Balance und Beweglichkeit angewiesen, um innerhalb von Sekundenbruchteilen seinen Körperschwerpunkt verlagern zu können. Von den damit einhergehenden Reflexfertigketen ganz zu schweigen.

Diese Handlungsschnelligkeit kommt dem Angreifer seit jeher auch auf dem Rasen zugute, ab 2011 in der Jugendabteilung des FC Porto, nur knapp zehn Kilometer seiner Heimat entfernt. Dort lernt der heute 23-Jährige unter anderem Goncalo Paciencia kennen, erst in der Jugend, später in der zweiten Mannschaft. Mit Porto B wird Silva 2016 Zweitligameister, trifft in 29 Ligaspielen 14 Mal, die Grenzen in den Profibereich sind zu diesem Zeitpunkt längst verschwommen. Die Erstligapremiere steigt am 2. Januar 2016 gegen Sporting Lissabon, ehe der Newcomer 2016/17 16 Buden folgen lässt. Schon am 1. September 2016 folgt das Nationalmannschaftsdebüt gegen Gibraltar. Keine drei Jahre später blickt der Hoffnungsträger auf 33 Länderspiele zurück, in denen ihm 15 Kisten gelangen. Darunter drei in den vier Vorrundenpartien der UEFA Nations League gegen Italien und Polen. Zum finalen Triumph konnte der Rechtsfuß einzig aufgrund von Patellasehnenproblemen nicht beitragen.

Zwischen Drachen und Teufel

Es war der erste internationale Titel für den langjährigen Juniorennationalspieler, der seit 2009 alle Nachwuchsmannschaften seines Heimatlandes durchlaufen hatte. Schon 2014 hatte der variable Himmelsstürmer die U19 mit fünf Treffern ins Endspiel der Europameisterschaft geschossen, wo aber Deutschland die Oberhand behielt. Gegner im Halbfinale waren übrigens die Altersgenossen aus Serbien mit Mijat Gacinovic. Im Sommer darauf glänzte er bei der U20-WM ebenfalls mit vier Toren, wurde aber mit seinem verschossenen Elfmeter im Viertelfinale gegen Brasilien zum tragischen Helden.

Es spricht für die mentale Stärke Silvas, dass ihn dies nicht anficht, sondern vielmehr anstachelte. Dem besagten Durchbruch bei den Dragoes, den Drachen, folgte 2016 der Pakt mit dem Teufel, Italiens Il Diavolo. Hierzulande besser bekannt als AC Milan, der sich seinerzeit im mittelschweren Umbruch befand. Die Rossoneri bedachten den Porto-Import sogleich mit der Nummer Neun, nachdem ihm in der heimatlichen Hafenstadt zuvor noch die symbolträchtige Zehn zuteil geworden war. Denn dort hatten viele Idealisten in Silva in gewisser Weise ihren neuen Deco auserkoren, die Spielmacherlegende, die ihnen 2004 den Henkelpott bescherte.

Spielmachender Stürmer

Doch der naturgegebene Zug zum Tor spülte Silva vom Mittelfeldzentrum oder gar den Flügeln unweigerlich in den Sturm. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass der konditions- und laufstarke Torjäger seinen großen Aktionsradius effektiv auszufüllen weiß. Beim FC Sevilla, wo er im vergangenen Spieljahr leihweise unter Vertrag stand und wie in der ersten Spielzeit am Stiefel auf 40 Einsätze kam, agierte er wahlweise gegen den Ball als hängende Spitze oder Linksaußen, der die gegnerischen Verteidiger mit seiner Wucht gezielt unter Druck zu setzen wusste. Umgekehrt ist sich der spielmachende Mittelstürmer – als welcher er sich schon auf dem Hockeyfeld einen Namen machen konnte – jederzeit in der Lage, sich ins Mittelfeld fallen zu lassen, um das eigene Aufbauspiel anzukurbeln, oder auf die Seite auszuweichen, um lange Bälle zu behaupten, wozu ihm 1,84 Meter und über seine Jahre antrainierte Robustheit verhelfen. Kurzum: Der moderne Neuner, der einst auf Rollen lernte und heute verschiedene Rollen verkörpert.

Die Sterne stehen günstig, dass nach dem Wechsel von der Modestadt in die Mainmetropole jene Anpassungsgabe auch neben dem Platz zum Vorschein kommt. Nicht unbedingt, weil an beiden Standorten die Börse sitzt, vielleicht aber, weil neben den teilweise vergleichbaren Mailänder Vereinsfarben Rot und Schwarz auch das Gründungsjahr 1899 identisch bleibt. Und wer noch nichts von den Milanen, die zur Gattung der Greifvögel zählen, gehört hat: Bei Attila ist der erste Zugang, der sich jemals aus der lombardischen Hauptstadt ins Herzen von Europa begeben hat, in jedem Fall willkommen!

Teilen
Funktionen