Auch in diesem Jahr unterstützt die Bundesliga den „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ - eine Initiative von „!Nie Wieder“ zur Erinnerung an die Befreiung der Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz.

Lazarus
Zum Erinnerungstag im Deutschen Fußball: Der Chronist der Steinzeit des Frankfurter Fußballs.

Mit diesem Erinnerungstag möchten wir gemeinsam ein Zeichen setzen und damit zum Ausdruck bringen, dass Rassismus und Diskriminierung keinen Platz in unserer Gesellschaft und im Fußball haben. Im Rahmen des Erinnerungstags möchte die Eintracht Ihnen heute das Leben von Ludwig Isenburger vorstellen.

Vielleicht haben Sie den Namen schon mal gelesen? 1929 hat Ludwig Isenburger „Aus der Steinzeit des Frankfurter Fußballs“ veröffentlicht. Generationen von Eintracht-Historikern, auch wir vom Museum, haben aus diesem Büchlein abgeschrieben. Die Geschichte von Ludwig Isenburger wurde dabei nie erzählt. Das holen wir heute nach:

Die Brüder Alfred (*1883) und Ludwig (*1885) Isenburger sind seit ihrer Kindheit begeisterte Fußballer. Sie wohnen gemeinsam mit der Familie zunächst im Mittelweg 25, später dann in der Klüberstraße 14. Anfang der 1890er Jahre bringt ihnen ihr Vater von einer Ledermesse einen Fußball mit. Mit diesem kicken Ludwig und Alfred regelmäßig auf der Hundswiese an der Miquelallee, dem Treffpunkt der Frankfurter Fußballer. Auch auf der Klüberstraße wird gekickt, die üblichen Schäden, die die Kinder mit dem Ball anrichten, nimmt Papa Albert sportlich – er zahlt die zerbrochenen Scheiben ohne zu murren.

1895 trifft die Familie ein schwerer Schicksalsschlag – die Schwester Susanne stirbt im Alter von nur 13 Jahren. Ein Jahr später verstirbt auch Vater Albert im Alter von 45 Jahren. Fortan ist es für die beiden Brüder schwieriger, ihre Fußballbegeisterung auszuleben. Mutter Auguste ist weitaus strenger, außerdem müssen die Jungen fortan viel im Haushalt mithelfen. Trotzdem wird weiter gekickt. Um die Jahrhundertwende entstehen in Frankfurt immer mehr Fußballvereine.  Den Anfang macht der FC Germania 1894. Ludwig Isenburger gehört zu den Gründern des Vereins. Als 1899 die Victoria gegründet wird, wird Bruder Alfred Mitglied der Victoria, für die er bis 1902 als rechter Verteidiger aktiv ist. 1902 wandert Alfred Isenburger nach New York aus, aber auch aus der neuen Heimat hält er Kontakt zu den alten Victorianern.

Auch Ludwig Isenburger wird  Mitglied bei der Victoria und seit 1911 beim Frankfurter Fußballverein, der durch den Zusammenschluss von Victoria und Kickers entstanden ist. Seine Begeisterung für den Fußball macht er sogar zum Beruf. Nach dem Schulbesuch studierte er Rechtswissenschaften, danach arbeite er als freier Journalist. Ludwig ist Sportreporter, der für zahlreiche Tageszeitungen und Sportblätter im Einsatz ist.

1915 muss er zum Militär, bis Kriegsende ist er als Soldat an der Front. Am 10. Dezember 1918 wird er demobilisiert, danach arbeitet er wieder als Sportjournalist.  Isenburger ist ein hochanerkannter Fachmann und so ist es auch keine Frage, dass er mit Gründung der Fachzeitschrift „Der Kicker“ als Mitarbeiter von Walter Bensemann fortan über den Sport aus dem Maingau berichtet. 1929 verfasst er privat ein kleines Büchlein, das für nachfolgende Generationen eine wichtige Quelle zu den Anfängen des Fußballs in Frankfurt wird. „Aus der Steinzeit des Frankfurter Fußballs“ ist eine sehr persönliche Beschreibung, die mit viel Humor über die ersten Vereine und Sportanlagen in Frankfurt berichtet.

1920 entsteht durch die Fusion des Frankfurter Fußballvereins mit der Turngemeinde von 1861 die Frankfurter Turn- und Sportgemeinde Eintracht. Ludwig Isenburgers berufliches Netzwerk hilft, die Eintracht medial professionell aufzustellen. Schon bei den Vorgängervereinen hatte er sich um die Pressearbeit gekümmert, Artikel geschrieben und Kontakte aufrechterhalten.  Auch beim neugeschaffenen Verein arbeitet er vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit. Für die Eintracht ist er zeitweise als Redaktionsleiter der Vereins-Nachrichten und als Ansprechpartner für Annoncen zuständig. 1929 wird er von der Eintracht anlässlich des 30. Geburtstags des Vereins mit der Ehrennadel ausgezeichnet. Zu den Jubiläumsfeierlichkeiten rund um den 30. Geburtstag reist übrigens sogar Alfred Isenburger aus New York an, im Juni 1929 feiert er mit seinen Vereinskameraden unter anderem beim großen Festball im Palmengarten den Geburtstag der Eintracht.

Ludwig Isenburger  ist ein wohlhabender Mann. Als Akademiker hat er eine bessere Bildung als viele Sportjournalisten, außerdem blickt er selbst auf eine Fußballkarriere zurück und kennt die Szene aus eigenem Erleben.  Er berichtet über Fußball, Rugby, Tennis, Eislauf, Leichtathletik und gelegentlich auch Turnen, Pferdesport und Billard.  Er arbeitet für zahlreiche Zeitungen, unter anderem  „Der Kicker“, „Fußball“, „Sport-Echo“ und die  „Frankfurter Zeitung“.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 beendet Ludwig Isenburgers Karriere als Sportjournalist. Nach und nach kündigen ihm alle Zeitungen die Mitarbeit. Ein Dokument ist erhalten geblieben. Am 2. Mai 1933 schreibt der Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Der Kicker“: „Wir teilen Ihnen mit, dass mit dem Ausscheiden des Hauptschriftleiters Walter Bensemann aus Verlag und Redaktion des „KICKER“ auch die von Ihnen seit 1. Januar 1922 ausgeübte Tätigkeit als Mitarbeiter endet. Wir nehmen gerne Veranlassung, Ihnen für die stets zuverlässige und sachkundige Mitarbeit unseren Dank zum Ausdruck zu bringen.“

Um seinen Lebensunterhalt weiter finanzieren zu können, übernimmt Ludwig Isenburger gemeinsam mit seiner Frau Bella das Restaurant seines Schwiegervaters. Das „Cafe Goldberg“ in der Leipziger Straße 28 wird umbenannt und ist fortan das „Cafe des Westens“. Ludwig Isenburger muss sich, wie schon sein Schwiegervater, zahlreicher Schikanen erwehren. So erhält er keine Sondergenehmigung, das Cafe über die Polizeistunde hinaus zu öffnen.  Mehrere Male dringen Uniformierte mit Waffen in das Lokal und fordern die Gäste auf, den „Judenladen“ zu verlassen, Lieferanten weigern sich, das Geschäft zu beliefern. Am 6. März 1936 wird das „Cafe des Westens“ polizeilich geschlossen. Die Schwiegereltern von Ludwig Isenburger wandern nach Brasilien aus, die Übertragung der Konzession an Ludwig Isenburger wird verweigert.

Nach der Schließung des „Cafe des Westens“ erhält Ludwig Isenburger vom Wohlfahrtsamt nur eine sehr geringe Unterstützung. Ab Oktober 1936 arbeitet er als Sprachlehrer. Er unterrichtet Juden, die ihre Auswanderung vorbereiten und die Sprache der neuen Heimat erlernen wollen. Als Sprachlehrer kann sich Isenburger gut finanzieren, doch die nächste Schikane lässt nicht lange auf sich warten. In der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 1937 wird Ludwig Isenburger direkt auf dem Opernplatz verhaftet und in Handschellen in das Polizeigefängnis am Starkeplatz verbracht. Wegen angeblichem sexuellen Verkehr mit einem jungen Mann wird er nach drei Tagen dem Haftrichter vorgeführt, danach in das Untersuchungsgefängnis in der Hammelsgasse überführt. Erst am 31. Januar wird er wieder freigelassen, ohne je verhört worden zu sein.

Nach den Pogromen des 9. November 1938 wird Ludwig Isenburger ein zweites Mal verhaftet und in die Festhalle verbracht. Von dort aus wird er mit zahlreichen Frankfurter Juden nach Buchenwald verschleppt. Bis zu seiner Entlassung am 11. Dezember 1938 kann er seine Kleidung nicht einmal ablegen oder austauschen.

Nach seiner Rückkehr aus Buchenwald kann Ludwig Isenburger nicht mehr als Sprachlehrer arbeiten. Er muss seine Wohnung in der Oberlindau 72 aufgeben und gemeinsam mit seiner Frau zu seiner Mutter in den Reuterweg 91 ziehen, wo er nur eine kleine Mansardenstube zur Verfügung hat. Hier kann er wegen der Enge und Kälte keine Schüler empfangen.

Ludwig beschließt mit seiner Frau Bella, aus Deutschland zu fliehen. Die letzten Monate in Deutschland lebt er von seinem Ersparten, er verkauft seinen Hausstand.  Im Juli 1939 verlassen Bella und Ludwig Isenburger Frankfurt, sie reisen nach Brasilien, wo die Eltern von Bella schon seit 1936 leben. Die Isenburgers beziehen ein kleines Appartement. Ludwig Isenburger, der sich in Brasilien „Lazarus“ nennt, Freunde rufen ihn Ludovico,  tut sich schwer, in der neuen Heimat eine Anstellung zu finden. Eine Anstellung in Handel oder Industrie erhält er nicht, als Sprachlehrer ist es schwer, eine Existenz aufzubauen.  Auch sein Alter, Ludwig ist mittlerweile 54, wird zum Problem.

So leben Ludwig und Bella Isenburger in Rio de Janeiro zurückgezogen und einfach in einer kleinen Wohnung mit drei Zimmern von jeweils 12 Quadratmetern. Zwei der Zimmer müssen sie untervermieten, um über die Runden zu kommen.

In den 1950er Jahren überlegen die Isenburgers, nach Deutschland zurückzukehren.  1953 treiben sie in der Botschaft der Bundesrepublik in Rio de Janeiro ihre Wiedereinbürgerung voran, sie erwerben erneut die deutsche Staatsangehörigkeit. Gleichzeitig strengen die Isenburgers eine Entschädigung an. In einem Entschädigungsantrag verweist Ludwig Isenburger auf die prekäre Lage der Eheleute. „Ich bitte, den vorliegenden Antrag bevorzugt und beschleunigt zu behandeln. Ich werde am 14. Dezember 1955 bereits 70 Jahre alt. Meiner beruflichen Tätigkeit als Sprachlehrer sind teils wegen der allgemeinen Verhältnisse hierzulande, namentlich aber durch mein hohes Alter, erhebliche Grenzen gezogen. Mein Einkommen ist minimal. Die Verhältnisse, in denen ich hier zu leben gezwungen bin, sind sehr knapp. … In meinem Alter ist mit Neugründung einer Existenz auf Grund irgendeiner Erwerbstätigkeit nicht mehr zu rechnen."

Um die Entschädigung berechnen zu können, fordern die Behörden Belege für die sportjournalistische Tätigkeit von Ludwig Isenburger, sie stören sich daran, dass in seinem Pass „Sprachlehrer“ als Beruf angegeben ist. Da er bei der Flucht aus Deutschland alle Unterlagen vernichtet hatte, weil er keine Papierwaren mitnehmen durfte, fällt der Nachweis schwer. „Ich habe nicht voraussehen können, dass ich damit Unterlagen aus der Hand gebe, die mir heute, nach 17 Jahren, noch nützlich sein könnten“, schreibt Ludwig Isenburger. Einige Journalistenkollegen aus Frankfurter Zeiten können seine Stellung in der Frankfurter Sportpresse der 1920er Jahre bezeugen und ein Glückwunschtelegramm aus Frankfurt wird ebenfalls zu den Unterlagen hinzugezogen: „In alter Verbundenheit wünscht  der Verein Frankfurter Sportpresse zum 70. alles Gute. Im Auftrag Erich Wick.“ Isenburger schreibt dazu: „Herr Redakteur Erich Wick, Frankfurt, ist der derzeitige Vorsitzende des anscheinend wieder bestehenden „Vereins Frankfurter Sportpresse“, dessen Mitgründer und Mitglied ich einmal war.“

Am 28. September 1956 wird Ludwig Isenburger nach dem Bundesentschädigungsgesetz vom 29. Juni 1956 ein Teil-Anspruch auf Kapitalentschädigung in Höhe von 10.000 DM zugesichert. Im Januar 1957 wird das Urteil ergänzt: „Der aus Gründen der Rasse verfolgte, einem Beamten des höheren Dienstes vergleichbare und aus seiner selbständigen Erwerbstätigkeit verdrängte Antragsteller hat für Schaden im beruflichen Fortkommen Anspruch auf Kapitalentschädigung in Höhe von 40.000 DM“, die bereits ausgezahlten 10.000 DM werden von dem Betrag abgezogen. Der mittlerweile fast 72-jährige Isenburger entscheidet, dass nur ein Teil des Geldes bar ausgezahlt wird, im Gegenzug erhält er ab dem 1. April 1957 eine Rente in Höhe von 600 DM monatlich. 1963 stirbt sein Bruder Alfred Isenburger in New York, Alfred wurde 81 Jahre alt.

Die angedachte Rückkehr nach Deutschland kommt für Ludwig und Bella nicht mehr zustande. Ludwig Isenburger verstirbt am 7. Dezember 1970 im Alter von 85 Jahren in Rio de Janeiro. Am 7. Dezember 1970 wird er auf dem Friedhof „Cemiterio Comunal Israelita do Caju“ beerdigt. Seine Frau Bella stirbt am 22. September 1977. Sie wird im Grab ihres Mannes bestattet. Die Grabstätte der Isenburgers gibt es bis heute, sie befindet sich auf dem Friedhof in Rio de Janeiro im Quadrata C n.  100.

Donnerstag, 26. Januar 2017: Lesung: „Frankfurt Lindenstraße – Der Fußballspieler mit dem gelben Stern“

Rund um den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz, erinnern die Fußballvereine im Rahmen des „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ an ausgegrenzte Vereinsmitglieder. Auch die Frankfurter Eintracht beteiligt sich an dem „Erinnerungstag im Deutschen Fußball“. Am Donnerstag, den 26. Januar 2017 stellt Peter Dippold  im Eintracht Frankfurt Museum sein Buch „Frankfurt Lindenstraße – Der Fußballspieler mit dem gelben Stern“ vor. Der Roman handelt vom fußballbegeisterten Paul, den alle nur „Pille“ nennen. Paul träumt von einer Karriere bei seinem Lieblingsverein, der Eintracht. Als Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, gerät das Leben von Paul aus den Fugen.

  • Start: Donnerstag, 26. Januar 2017, 19.30 Uhr
  • Eintritt 5,00 Euro, erm. 3,50 Euro.

Freitag, 27. Januar 2017: Führung: Neues von den Juddebube   

Am Freitag, den 27. Januar 2017 findet um 17.30 Uhr eine Führung unter dem Titel „Neues von den Juddebube“ statt. Im Rahmen des „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ erinnern wir an jüdische Vereinsmitglieder, die die SGE nach 1933 verlassen mussten. Einer von Ihnen war Ludwig Isenburger, ein bekannter Frankfurter Journalist und Autor des Büchleins „Aus der Steinzeit des Frankfurter Fußballs“. Im Museum verfolgen wir seinen Lebensweg.  

  • Start: Freitag, 27. Januar 2017,  17.30 Uhr
  • Eintritt 5,00 Euro, erm. 3,50 Euro.
  • Die Führung dauert ca. 75 Minuten, so dass alle Gäste pünktlich zum Anpfiff des Abendspiels vor dem TV sitzen können.

Kontakt:
Eintracht Frankfurt Museum
Commerzbank-Arena/Haupttribüne
Mörfelder Landstr. 362
60528 Frankfurt/Main
Tel: 069-95503275


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