Vier Titel holt Bernd Hölzenbein als Spieler mit der Eintracht. Am UEFA-Pokalsieg 1980 hat freilich auch er seinen Anteil. Nicht nur wegen seines Sitzkopfballtores.

Keiner hat so lange für Eintracht Frankfurt gearbeitet wie Bernd Hölzenbein. Von 1967 bis 1981 als Fußballprofi, zwischen 1988 und 1996 als Vizepräsident oder Manager und schließlich von 2004 bis vor wenigen Jahren als Chefscout, Berater des Vorstandes und im Marketing. Mit 160 Treffern ist der inzwischen 74-Jährige noch immer bester Bundesligatorschütze der Eintracht, dazu ist er Ehrenspielführer und Markenbotschafter des Vereins.

Wenn der „Holz“ auf 1980 zu sprechen kommt, muss er noch heute grinsen. Weniger über den Gewinn des UEFA-Pokals, sondern über ein Tor gegen Dinamo Bukarest, das wahrlich Seltenheitswert besitzt. Die Eintracht hatte das Hinspiel der zweiten Runde in Rumänien mit 0:2 verloren, musste also versuchen, im Waldstadion den Spieß umzudrehen. Doch lediglich Cha Bum-kun traf, es lief bereits die vorletzte Minute, die Eintracht warf alles nach vorne. Auch Bernd Hölzenbein lief in den gegnerischen Strafraum, rutschte auf dem nassen Boden aus, saß frustriert auf seinem Allerwertesten. Bukarests bisher so starker Torhüter Stefan sprang hoch, fing die wohl letzte Flanke ab – und ließ den nassen Ball durch die Hände rutschen. Genau über dem „Holz“, der blitzschnell schaltete und das Leder im Sitzen ins verwaiste Tor köpfte. 2:0, Verlängerung, Bernd Nickel schoss die Frankfurter schließlich in die nächste Runde.

„Dann brauchst du auch mal Glück“

 

Es war eine echte Hölzenbein-Aktion. Einerseits das Näschen zu haben, wo er vielleicht eine Chance erhält, andererseits immer hellwach zu bleiben, auch wenn die Aktion scheinbar schon beendet ist. „Und dann brauchst du halt auch mal Glück“, gibt der Ex-Profi zu. So oder so war es ein ganz wichtiges Tor auf dem Weg zum europäischen Triumph, der gegen Mönchengladbach einige Monate später klargemacht werden sollte.

Ganz Frankfurt feierte den Pokal. Doch nach dem festlichen Bankett war er plötzlich weg. Der „Holz“, etwas angefressen, nachdem er erfahren hatte, dass ihn Trainer Friedel Rausch eigentlich hatte auswechseln wollen, war einer der letzten, sah den glänzenden „Topf“ einsam auf einem Tisch stehen, packte ihn ein und fuhr nach Hause. Wer kann schon von sich sagen, mit diesem Pott in einem Bett geschlafen zu haben.

Das Fehlen fiel bei der Eintracht erst am anderen Morgen auf, nervös telefonierte Geschäftsführer Jürgen Gerhardt rund. Das Schlitzohr Hölzenbein ließ den armen Mann zwei Stunden zappeln, ehe er ihn wieder anrief: „Jürgen, du kannst den Pokal bei mir abholen!“

„Jürgen, du kannst den Pokal bei mir holen“

 

Dieser Erfolg im UEFA-Pokal hat es bei Bernd Hölzenbeins persönlicher Erfolgsleiter auf die zweitoberste Stufe gepackt. „Die Nummer eins ist ganz klar die Weltmeisterschaft 1974“, stellt er auch fast 46 Jahre später eindeutig fest. Erstmals nach 1954 diesen begehrten Titel nach Deutschland zu holen ist eben der größte Wunsch aller Kicker. Wobei der Frankfurter im Finale gegen die Niederlande für die am häufigsten diskutierte Szene gesorgt hatte. Es stand 0:1, Hölzenbein drang in den gegnerischen Strafraum ein, wurde von Wim Jansen attackiert, Schiedsrichter Taylor entschied auf Elfmeter. Klares Foul oder doch nur eine Schwalbe? Selbst die Leute im Kölner Videokeller könnten das heute wohl nicht einwandfrei klären. Wobei Hölzenbein sich bei der Beurteilung dieser Szene gerne auf diese diplomatische Variante zurückzieht: „Wenn ein Engländer einen Elfmeter für Deutschland pfeift, dann muss es Foul gewesen sein.“

Das Sitztor gegen Bukarest, der entführte Pokal ein paar Wochen später, die Elfmeterszene im WM-Finale: Drei Momente, die zeigen, dass der Bernd nicht nur ein toller Fußballer, sondern auch ein Schlitzohr mit einer gehörigen Portion Schalk im Nacken war. Schnell, flink und für den Gegner sehr schlecht auszurechnen. So sorgte er nicht nur in den 420 Bundesligaspielen im Eintracht-Trikot für viele Jubelszenen bei den eigenen Anhängern. Auch bei 40 Länderspielen durfte er die deutschen Farben vertreten.

„Bernd Nickel spielte so gut und ich so schlecht“

 

Als er als schüchterner junger Mann vom TuS Dehrn bei Limburg zum ersten Training an den Riederwald gekommen war, hatte selbst er nicht an eine solche Karriere gedacht. Im Gegenteil: „Bernd Nickel spielte so gut und ich so schlecht, da bin ich gleich wieder nach Hause gefahren“, erinnert er sich. Erst beim zweiten Versuch ein paar Monate später war er sich sicher: Ich kann es packen! Und wie: Er wurde nicht nur Weltmeister und UEFA-Pokalsieger, sondern auch dreimaliger Gewinner des DFB-Pokals. Einen Tag nach seinem letzten Cuperfolg 1981 verabschiedete er sich zum Ende der aktiven Karriere in die US-Profiliga.

1988 dann die spektakuläre Mitgliederversammlung, während der er überraschend zum Vizepräsidenten der Eintracht gewählt wurde. Die sportlich erfolgreichste Ära der Eintracht begann, weil der „Holz“ dank einer Mischung aus Kopf- und Bauchentscheidungen Spieler wie Okocha, Yeboah, Bein, Binz und Möller holte sowie dem Unikum Dragoslav Stepanovic auf der Trainerposition das Vertrauen schenkte. Nur das Drama von Rostock verhinderte 1992 den Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Nach dem 1:2 im Ostseestadion saß er minutenlang regungslos auf der Tribüne, den Kopf in eine Hand gestützt. „Meine bis dahin größte sportliche Enttäuschung“, gibt er zu.

Irgendwie war das Glück der Adlerträger damit angeknackst. 1996 folgte der erste Bundesligaabstieg der Vereinsgeschichte. Bald musste auch der Manager gehen. Doch Bernd Hölzenbein kehrte zurück, wurde von Heribert Bruchhagen als Chefscout und Berater des Vorstands erneut in der Schaltzentrale der Eintracht installiert. Erst 2017 war Schluss damit, Hölzenbein hatte mit seiner Ehefrau Jutta Zeit, noch einmal Neuland zu betreten. Die beiden zogen von Gravenbruch um nach Frankfurt. Kaum zu glauben, aber hier hatte der „Holz“ zuvor noch nie gewohnt.

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