Uli Hoeneß hätte für den Umbruch auf Titel verzichtet. Trotzdem winkt wieder das Double.

Situation

Die Ausnahmestellung und damit auch Ausnahmeerwartungshaltung des FC Bayern zeigt sich allein anhand der Tatsache, dass die mögliche Deutsche Meisterschaft am Samstag die 28. in der 56. Bundesligasaison wäre – der Rekordmeister also für die Hälfte aller Titel verantwortlich wäre.

Zu diesem Zweck würde ein Remis aufgrund der deutlich besseren Tordifferenz gegenüber Borussia Dortmund auch am Samstag für die nationale Spitze genügen. Eine vergleichbare Ausgangssituation hatte der FCB letztmals 2001, als beim Hamburger SV ein Zähler am letzten Spieltag für den Titel reichte. Das Herzschlagfinale im Fernduell mit Schalke 04 sollte in die Geschichtsbücher eingehen. Überhaupt feierten die Münchner die vergangenen elf Meisterschaften nach 2000 in der Fremde. Da dort zuletzt in Nürnberg und Leipzig jeweils nur ein Unentschieden heraussprang, wartet die siebte Schale in Folge noch auf ihren Gang in die Vitrine.

Grundsätzlich wirkt das Stimmungsbild an der Isar etwas skurril. Zwar im Achtelfinale der UEFA Champions League, immerhin gegen den Finalisten FC Liverpool, ausgeschieden, stehen die Bajuwaren erneut im Finale des DFB-Pokals und auf Platz eins der Bundesliga. Weil aber oftmals die B-Note in Form attraktiver, dominanter und überzeugender Auftritte nicht in gewohnter Häufigkeit stimmte, strahlen an der Säbener Straße nicht alle Gesichter mit dem Stern des Südens um die Wette. Die Torhüter Manuel Neuer und Sven Ulreich parierten mit 61 Prozent aller Schüsse ligaweit die anteilsmäßig wenigsten. Fünf verspielte 1:0-Führungen gab es zuletzt 2009/10. Zudem setzte mit acht Kontergegentoren so viele wie in den vergangenen zwei Spielzeiten zusammen. Insgesamt 31 Gegentreffer hatte es in den vergangenen sieben Jahren nicht gegeben. Auch vorne war scheinbar der Wurm drin: 40 vergebene Großchancen suchen in der Bundesliga ebenfalls ihresgleichen. Dass 76 erspielte Hochkaräter aber auch erst einmal zustande kommen müssen, gehört genauso zum zweiten Teil der Wahrheit wie die trotz aller Nebenkriegsgeräusche gegebene Aussicht aufs nationale Double.

Zumal die Saison 2018/19 im Zeichen der bis zur Sommertransferperiode vorletzten Umbruchphase stand. Leon Goretzka und im Winter Alphonso Davies blieben die einzigen Blutauffrischungen im Kader. Am Samstag verabschieden sich die altgedienten Franck Ribéry, Arjen Robben und Rafinha von der Bundesligabühne – am liebsten mit einem letzten, lauten Hurra.

Formkurve

So wankelmütig auf fremdem Terrain lag der Schlüssel für die Aufholjagd des FCB in der heimischen Allianz Arena. Nachdem die Bayern zwischen dem fünften und zwölften Spieltag vier Heimauftritte am Stück sieglos geblieben waren, gewannen sie die darauffolgenden zehn Aufgaben vor heimischem Publikum, darunter der Wendepunkt, das 5:0 gegen Borussia Dortmund. Überhaupt ist der Favorit seit 13 Bundesligapartien ungeschlagen. Seit dem denkwürdigen 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf haben die Bayern 17 von 21 Bundesligaspielen gewonnen und letztlich neun Punkte Rückstand auf den BVB aufgeholt.

Trainer

Als Niko Kovac am 8. März 2016 gemeinsam mit Bruder Robert bei Eintracht Frankfurt anheuerte, konnte er eigentlich nur gewinnen. Wie sehr der Kroate seine Chance, sich als Trainer in der Bundesliga zu beweisen, beim Schopfe gepackt hat, zeigte sich zweieinhalb Jahre später. Nach der erfolgreichen Relegation 2016, dem DFB-Pokal-Finale 2017 und dem DFB-Pokal-Sieg 2018 folgte der größtmögliche Schritt auf nationaler Ebene: der zum Branchenprimus FC Bayern.

Die Rückkehr zu seinem Ex-Verein, mit dem er unter anderem 2003 das Double holte, war ganz im Sinne der FCB-Führung, die perspektivisch möglichst viele Personen mit dem „Bayern-Gen“ einbinden und damit den Generationswechsel vorantreiben möchte. Die fleischgewordene Kämpfernatur ließ sich auch von den genannten Anlaufschwierigkeiten nicht beirren und verfolgte wie schon bei der Eintracht, als er aus Durststrecken ebenfalls gestärkt hervorgegangen war, in Salzburg oder bei der kroatischen Nationalmannschaft, die er 2014 zur WM führte, konsequent seinen Weg, schränkte das Rotationsprinzip ein und hat einen funktionierenden Mannschaftskern gefunden.

Taktiktafel

Dafür war sich der 47-Jährige auch für persönliche Anpassungen nicht zu schade und ließ anstatt des anfangs angewandten 4-3-3-Systems vornehmlich im 4-2-3-1 agieren. Die Spanier Thiago Alcantara und Javi Martinez bildeten in den Schlüsselspielen das Herzstück im defensiven Mittelfeld, Thomas Müller durfte wieder den Freigeist hinter Tormaschine Robert Lewandowski geben und auf den Flügeln sorgten Kingsley Coman und Nationalspieler Serge Gnabry für Betrieb. Nicht zu vergessen Leon Goretzka, der sowohl auf der Zehn als auch im defensivem Mittelfeld für den verletzten Martinez für Dynamik und Tore sorgte. Insgesamt wirkt das Gesamtgebilde wieder wesentlich gefestigter und zugleich um einiges flexibler und weniger ausrechenbar.

Spieler im Fokus: „Robbery“

Zeitweise war im Zusammenhang mit dem FCB von einem Tempodefizit die Rede. Ausgenommen davon war stets Serge Gnabry, mit im Schnitt 34 angezogenen Sprints pro 90 Minuten in dieser Disziplin außergewöhnlich umtriebig. 18 Torbeteiligungen tun ihr Übriges, dass der genannte Generationswechsel auf den Flügeln möglicherweise reibungsloser vonstatten geht als vielerorts angenommen. In diesem Zusammenhang kommen Ribéry (36) und Robben (35) ins Spiel. Der Franzose und der Niederländer prägten nahezu ein Jahrzehnt lang das Spiel der Bayern, „Rib“ seit 2007, „Rob“ seit 2009. Die Krönung „Robberys“ erfolgte mit dem Triple 2013. Zusammen kommen die beiden auf 15 Meisterschaften. Franck Ribéry hat für den FC Bayern 423 Pflichtspiele bestritten, kommt dabei auf 123 Treffer und 186 Assists (309 Torbeteiligungen). Auch der Niederländer ist einer der besten und effektivsten Spieler, die der FC Bayern jemals hatte: In 307 Pflichtspielen erzielte er 143 Tore und gab 112 Assists, kommt also auf 255 Torbeteiligungen. Die Nummer Sieben wiederum könnte mit seinem neunten (!) deutschen Meistertitel zum persönlichen „Rekordmeister“ Deutschlands aufsteigen. Noch Fragen? Vielleicht eine. Wer aus diesem Luxus-Kader hat wohl noch keine Meisterschaft feiern dürfen? Gnabry, hinter Lewandowski in dieser Saison der gefährlichste Bayer – aber am Samstag womöglich auf ein letztes Hurra seiner designierten Vorfahren angewiesen.

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