In Anlehnung an die Flora, also Pflanzenwelt, befände sich Tallinn altersmäßig im Anfangsstadium. Aber die Hauptstädter wissen sich immer öfter auch auf ungewohntem Terrain zu behaupten.

Situation

Während die Eintracht erst vor dreieinhalb Wochen das Training aufgenommen hat, befindet sich der FC Flora Tallinn mitten im Spielbetrieb. Da Estland seine Spieljahre kalendarisch zwischen März und November austrägt, liegen hinter dem elfmaligen Meister und siebenfachen Pokalsieger bereits 20 Ligaspiele. Die Bilanz aktuell: 61 Tore (die zweitmeisten), 14 Gegentore (die wenigsten) und mit 52 Punkten Tabellenführer. Der Krösus seines Landes ist zudem der einzige Verein neben JK Narva Trans, der seit 1992 erstklassig ist. Dagegen war es seit 1994 ebenso üblich, regelmäßig aus der ersten Qualifikationsrunde zu UEFA-Cup oder UEFA Europa League auszuscheiden. Damit war es im Juli vorbei, als der Außenseiter aus dem Baltikum den serbischen Vizemeister Radnicki Nis mit 2:0 und 2:2 ausschaltete. Der Einzug in die dritte Runde wäre gleichbedeutend mit dem größten internationalen Erfolg der Vereinsgeschichte.

Formkurve

Genauso würde ein Novum eintreten, sollte Flora im Hinspiel die Oberhand behalten. Drei europäische Heimsiege am Stück gelangen dem Rekordchampion der Meistriliiga noch nie. Vor dem 2:0 gegen Nis hatte im Vorjahr APOEL Nikosia ebenfalls im Lilleküla-Stadion mit 0:2 den Kürzeren gezogen. Der Aufwärtstrend setzt sich nahtlos auf nationaler Ebene fort. In der Vorsaison mit Platz drei unter den eigenen Ansprüchen geblieben, eilen die Esten wieder wie selbstverständlich von Sieg zu Sieg. Zwischen der Qualifikationsphase sprangen vier Dreier hintereinander heraus, womit Flora seit nunmehr sechs Pflichtspielen ungeschlagen ist und allein in diesem Zeitraum 15 Mal und in keinem Match seltener als zwei Mal traf. Machte zuletzt im Schnitt 2,5 Buden pro Partie.

Trainer

Es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu, um Jürgen Henn selbst noch auf dem Rasen zu verorten. Der erst 32-Jährige trug bis vor nicht allzu langer Zeit selbst das Trikot Tallinns, ehe er Anfang 2018 mit 30 Jahren erstmals auf dem Chefsessel Platz nahm. Zuvor war er zwischen 2010 und 2012 als Spieler für den Club aktiv gewesen und errang 2011 den Meistertitel. Noch als Übungsleiter der dritten Garde fungierte er ab 2013 als Co-Trainer der Profis, 2014 erfolgte die Beförderung zu Tallinn II. Erste Berührungspunkte auf der größeren Bühne folgten 2016, erst als Co-Trainer der U21 Estlands, am 10. Juli interimistisch als Cheftrainer der ersten Mannschaft. Zu Beginn des Jahres 2018 wurde Henn zum ersten Mal Cheftrainer Tallinns und musste sich im Pokalfinale beim Stadtrivalen FCI Levadia Tallinn mit 0:1 geschlagen geben. Kurios: Im Halbfinale hatte Flora die eigene U21 9:3 besiegt.

Im Sommer 2018 übernahm der Niederländer Arno Pijpers den Trainerposten beim FC Flora, weshalb Henn zunächst wieder den Posten des Assistenten bekleidete. Pijpers hatte den Verein bereits vier Mal zum Meistertitel geführt (2017, 2003, 2002, 2001), legte sein Amt Ende August 2018 jedoch aus familiären Gründen wieder nieder, wodurch Henn erneut übernahm. In der vergangenen Saison war er mit Flora in der ersten Qualifikationsrunde zur UEFA Champions League an Hapoel Be’er Scheva gescheitert (1:4, 1:3) und anschließend in der zweiten Runde zur UEFA Europa League gegen APOEL Nikosia ausgeschieden. Einem 0:5 im Hinspiel ließen die Esten bekanntlich zuhause ein 2:0 folgen. Um den Emporkömmling herum arbeitet grundsätzlich ein verhältnismäßig junger Trainerstab: Co-Trainer Joel Indermitte ist 26, Norbert Hurt, ebenfalls Assistenztrainer, 36, und Torwarttrainer Aiko Orgla 32.

Taktiktafel

Henn lässt vornehmlich in einem 4-2-3-1-System agieren. Auch hier gehören die zentralen Figuren eher dem jüngeren Semester an. Die unumstrittenen Stammkräfte in den Innenverteidigung, Märten Kuusk und Henrik Pürg, sind jeweils 23 und weisen die meisten Einsatzminuten auf. Im Mittelfeld zieht der 19-jährige Vladislav Kreida die Fäden und in vorderster Front sorgt der 20-jährige Mittelstürmer Erik Sorga für Furore. Zudem entdeckte der im Sommer von seiner Leihe zum FC Winterthur zurückgekehrte Mark-Anders Lepik in den Qualifikationsspielen nicht zu unterschätzende Jokerqualitäten. Der 18-Jährige traf jeweils nach seiner Einwechslung gegen Nis im Hinspiel zum wegweisenden 1:0 und im Rückspiel zum beruhigenden 2:2.

Spieler im Fokus: Erik Sorga

Am vergangenen Wochenende geschah Außergewöhnliches. Beim ungefährdeten 3:0 gegen Schlusslicht Maardu Linnameeskond blieb Erik Sorga erstmals seit dem 18. Juni ohne eigenen Torerfolg. Zuvor hatte der Toptorjäger in 19 Spielen 20 Mal genetzt und führt nach 20 Spieltagen die Torschützenliste an. Überhaupt war der 1,76-Meter-Mann nur in vier der vergangenen 18 Ligaspiele leer ausgegangen. Dabei weiß sich der estnische Topstar trotz seiner schmächtigen Statur im Strafraum als alleinige Spitze geschickt zu behaupten und ist meist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, weshalb es sogar zu drei Kopfballtreffern reichte.

Sorga galt schon von Kindesbeinen an als Versprechen für die Zukunft, durchlief sämtliche Juniorenauswahlen Estlands und debütierte etwa bereits mit 14 Jahren in der U16. In der A-Nationalmannschaft angekommen wurde die Erfolgssträhne etwas in Mitleidenschaft gezogen, als er in der EM-Qualifikation am 8. Juni gegen Nordirland beim Stand von 1:0 ins Spiel kam und noch 1:2 verlor. Die darauffolgende höchste Niederlage der Verbandsgeschichte, einem 0:8 gegen Deutschland, verfolgte Sorga von draußen. Doch ansonsten stimmt die Quote, auch wenn es bis zum ewigen Ligarekord noch ein weiter Weg ist: 2011 erzielte der Lette Aleksandrs Čekulajevs 46 Saisontore für Trans Narva.

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