Gemeinsam mit dem Eintracht Museum hatte die Fanbetreuung der Eintracht zurAuftaktveranstaltung des Projektes Frankfurt – Theresienstadt – Eine Spurensuche geladen.

Moderator Axel „Beve“ Hoffmann im Gespräch mit Zeitzeuge Helmut „Sonny“ Sonneberg.
Moderator Axel „Beve“ Hoffmann im Gespräch mit Zeitzeuge Helmut „Sonny“ Sonneberg.

Vom großen Interesse zeugten nicht nur die vielen Eintrachtler, die zu Gast waren, gleichwohl stieß das Thema auch bei den Medien auf große Resonanz. Es wurde voll im Eintracht Museum – und teilweise so still, dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können, als Helmut „Sonny“ Sonneberg aus seiner tragischen Kindheit berichtete. Sonny wurde als Kind von Frankfurt aus nach Theresienstadt deportiert.

Theresienstadt war in der von Nationalsozialisten besetzten Tschechoslowakei ein Konzentrationslager, ein Ghetto, welches von 1941 bis zu seiner Auflösung im Mai 1945 von nahezu 140.000 zwangsdeportierten Juden, vorwiegend aus dem Protektorat Böhmen und Mähren und dem Deutschen Reich, aber auch aus Österreich, den Niederlanden, Slowakei, Ungarn und Dänemark, durchlitten wurde. 60 Kilometer nördlich von Prag gelegen, bot die Ende des 18. Jahrhunderts erbaute Garnisonsstadt mit ihren großen Wallanlagen teuflisch ideale Bedingungen für diese Etappe des Vernichtungswahns der Nazis. Knapp 34.000 Menschen starben hier, meist an Mangelernährung, an Krankheit, am Verlust der Freiheit. Knapp 90.000 jedoch wurden von Theresienstadt weiter in die Vernichtungsanlagen in den Osten deportiert, ab Oktober 1942 nach Auschwitz. Keine 4.000 davon überlebten die Lager. Und dennoch wurde Theresienstadt von den Nazis für die internationale Öffentlichkeit als „Vorzeigelager“ inszeniert.

Unwürdige Verhältnisse

Ausgelegt für 7.000 Menschen, „lebten“ in den engsten Zeiten hier im Herbst 1942 zeitgleich 58.000 Juden, geplagt von Hunger und Hitze, von Krankheiten, Ungeziefer und Kälte, von Mangelversorgung jeglicher Art. Der private Lebensraum war für die meisten auf zwei Quadratmeter beschränkt. Der Alltag bestand für die Insassen, so sie nicht vollends gebrechlich waren, aus Arbeit im Rahmen der Selbstverwaltung, natürlich kontrolliert von der SS und bewacht von der tschechischen Gendarmerie. Für Ablenkung sorgten in den Stunden vor der Dunkelheit von der Freizeitgestaltung organisierte Kulturveranstaltungen – und sogar Fußball wurde gespielt, in einer eigenen Liga: Die Liga Terezin. Kennzeichnend für Theresienstadt waren auch die regelmäßig in den Osten abgehenden Transporte, um Platz für Neuankömmlinge zu schaffen. Vorwiegend älteren und wohlhabenden deutschen Juden wurde von den Nationalsozialisten ein sicherer Altersruhesitz in Theresienstadt versprochen, im Gegenzug mussten sie mit ihrem Hab und Gut bezahlen. Aber auch aus dem Protektorat und Österreich kamen prominente Juden, Künstler, Wissenschaftler, Sportler. Kaum angekommen, wurden sie oftmals auch ihrer letzten Habseligkeiten beraubt. Nicht vorstellbar das Entsetzen, als sie den Betrug bemerkten. Die „Transporte in den Osten“ jedoch bedeuteten in den allermeisten Fällen der sichere Tod. Tragischerweise blieb die Kenntnis darüber in Theresienstadt unter den Zwangshäftlingen unbekannt. Die wenigen Fluchtversuche wurden drastisch bestraft, nur 25 gelangen zwischen 1941 und 1944.

Der 27. Januar 1945 markiert eine Wende in der Historie, es war der Tag, an dem Auschwitz von der Roten Armee, die unaufhörlich gen Westen rückte, befreit wurde. Doch selbst das Ende des Dritten Reichs vor Auge, hinderte die Nationalsozialisten nicht daran, die Massenvernichtung stets weiter voran zu treiben. Und so verließ am 14. Februar 1945 von der einstigen Großmarkthalle startend ein Deportationszug Frankfurt am Main in Richtung Theresienstadt. In ein ungewisses Schicksal wurden an diesem Wintertag 302 Menschen geschickt, darunter ein 13jähriger Frankfurter Junge mit seiner Mutter. Helmut Sonneberg, genannt Sonny, der 74 Jahre später im Eintracht Museum seine Geschichte erzählen sollte. Sonny hat, genau wie seine Mutter, Theresienstadt überlebt. Als er im Sommer 1945 wieder in das zerstörte Frankfurt zurück kam, wog er kaum 27 Kilo, seine Schwester Lilo erkannte ihren Bruder zunächst nicht mehr wieder.

Jahrelanges Leiden

Das Leiden Sonnys, von dem er im Museum eindringlich berichtete, begann schon Jahre zuvor. Und es begann nicht zuletzt mit der Frage: „Warum ich?“ Sonny war christlich getauft und hat sich zeitlebens nicht als Jude gefühlt. Umso verwirrender empfand er seine schleichende Ausgrenzung, die er im Gegensatz zu seiner jüngeren Schwester erfuhr und die in der Deportation nach Theresienstadt gipfelte. Bereits 1940 musste er in das jüdische Kinderheim ziehen, er besuchte die jüdische Schule im Philanthropin, wurde von Mitgliedern der HJ beschimpft. Ab 1941 war für ihn das Tragen des Judensterns Pflicht. Als das Kinderheim im Ostend 1942 geschlossen wurde, musste er ins Heim nach Sachsenhausen umziehen, auch das Philanthropin wurde jetzt geschlossen, ein Schulbesuch war für den 11jährigen nun nicht mehr möglich. 1943 wurde auch das Kinderheim in Sachsenhausen geräumt, die Kinder deportiert – doch Sonny hatte „Glück“, er durfte nach Vorsprache seines Stiefvaters bei der Gestapo in der Lindenstraße zunächst bei der Familie in der Großen Wollgasse wohnen. Die Wohnung verlassen durfte er jedoch nicht. Er wagt es dennoch, verbirgt seinen Stern unter dem Mantelkragen. Doch die Odyssee ist noch nicht zu Ende, die Angst ständiger Gefährte. Die Wohnung wird zerbombt, die Unterkünfte wechseln, bis am 8. Februar 1945 „ein kleiner Mann vor der Türe steht, mit einem Zettel in der Hand, dass ich mit seiner Mutter ein paar Tage später zum Arbeitseinsatz kommen soll.“ „Arbeitseinsatz“ - in jenen Tagen ein Euphemismus für „Vernichtung“. Sonny erinnert sich: „Arbeiten? Was sollte ich denn arbeiten? Ich war 13 Jahre alt.“

Und so ratterten am 14. Februar 1945 Mutter und Sonny mit 300 anderen Menschen in Viehwagons in eine ungewisse Zukunft. Fünf Tage dauerte die Fahrt, das Ziel war Theresienstadt. Kurz nach der Ankunft wurden die beiden getrennt, können sich aber fortan täglich sehen. Was sie damals nicht wussten: Der letzte Transport nach Auschwitz war am 28. Oktober 1944 abgegangen, die Rote Armee auf dem Vormarsch. Und so blieben Hunger und Angst ständige Begleiter. „Es gabvormittags Graupen, es gab mittags Graupen und es gab abends Graupen,“ berichtet Sonny, der im Ghetto zusehends abmagerte und zudem noch zum Arbeiten geschickt wurde. Glimmerabbau. Eine mühsame und gefährliche Tätigkeit.

„Wie kann ein Volk so dumm sein?“

Ende April erreichten die ersten sogenannten Evakuierungstransporte aus dem Osten das Ghetto Theresienstadt, Juden, die noch vor der Befreiung der Vernichtungslager aus den KZs Richtung Westen geschickt wurden, die meisten von ihnen mehr tot als lebendig, sterbenskrank und ausgezehrt. Sonny sah die Leidensgestalten, sah dem Tod ins Auge. Krankheiten und Seuchen bedrohten nun Theresienstadt existentiell – mit der Folge, dass selbst nach der Befreiung des Ghettos im Mai 1945 die Insassen nicht sofort nach Hause durften. „Ich wollte heim, aber ich musste in Quarantäne,“ erzählt Sonny, der erst einige Wochen später mit seiner Mutter in einen Zug verfrachtet und über Leitmeritz, dem heutigen Litoměřice, nach Frankfurt geschickt wurde.

Er trug Wunden am Bein davon, die lange nicht heilen wollten, die Wunden in seiner Seele aber blieben bis heute. Lange hat Sonny nicht über seine Vergangenheit gesprochen. Er entwickelte sich zu einem großen Eintrachtfan, kickte am Riederwald und wurde 1959 vor Ort in Berlin Deutscher Meister. Seine Schwester Lilo Günzler hat vor einigen Jahren ein Buch veröffentlicht. In „Endlich reden“ legte sie ein Zeugnis jener Jahre ab, in dem sie auch auch das Leiden ihres Bruders Sonny schildert. Sie sprach vor Schulklassen, unterhielt sich mit Jugendlichen - Sonny aber blieb verschwiegen. Erst in den letzten Wochen hat er die Kraft gefunden, sich mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu wenden – und eines liegt ihm am Herzen: „Die Geschichte darf nie vergessen werden, und wenn jemand sagt, das hätte es nicht gegeben, dann könnte ich …,“ sagt der überzeugte Pazifist. „Das Wichtigste aber ist Toleranz – und die fängt bei uns selbst an.“ Ausgetreten bei der Eintracht ist er allerdings, als er erfuhr, dass Ehrenpräsident Rudi Gramlich Mitglied bei der Waffen SS war. Und rückblickend resümiert er: „Wie kann ein Volk so dumm sein? Das frage ich mich bis heute.“

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