Die Ergebnisse stimmen in der Hauptstadt schon länger. Nun sollen auch die Erlebnisse häufiger im Vordergrund stehen.

Situation

Nach Jahren der Extreme zwischen Europapokalhimmel und "Zweitligahölle" hat sich Hertha BSC seit dem letzten Aufstieg 2013 in der deutschen Beletage festgebissen. Nicht zuletzt mit der Amtsübernahme von Pal Dardai im Februar 2015 brach rückblickend eine neue Zeitrechnung an. Der Hauptstadtklub wirkt stabil wie nie – und strebt in den bevorstehenden Spielzeiten die nächste Stufe an.

Früh deutete sich an, dass die Hertha auch im vierten Jahr unter der Leitung des Ungarn nichts mit dem Abstieg zu tun haben würde. Doch die Verantwortlichen um Manager Michael Preetz erhoffen sich neben gefestigten auch immer öfter festliche Auftritte, nicht zuletzt um wieder mehr Zuschauer ins Olympiastadion zu locken. Dafür unterzog sich die Alte Dame im Sommer einer dosierten Frischzellenkur und verpflichtete ausnahmslos Neuzugänge, die nicht älter als 23 Jahre waren. Darüber hinaus gilt der letztjährige U19-Jahrgang, der 2018 die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft gewann, als Versprechen für die Zukunft. Dabei stehen die Hoffnungsträger nicht unter sofortigem Erfolgsdruck und können sich an der Seite der etablierten Achse um den zuletzt häufig verletzten Vladimir Darida, Kapitän Vedad Ibisevic, Torwart Rune Jarstein, UEFA Champions League-Sieger Salomon Kalou oder Eigengewächs Arne Maier entwickeln.

Formkurve

Der Plan, forsch und frech die Liga zu überraschen, ging früh auf. Berlin blieb die ersten vier Bundesligaspiele ungeschlagen und übertrumpfte etwa den FC Schalke 04 mit 2:0 und Borussia Mönchengladbach mit 4:2. Selbst der FC Bayern erlebte Ende September an der Spree sein blaues Wunder, als die Hertha mit 2:0 die Oberhand behielt.

Als Berlin aber zuletzt etwas nachließ, ging der Schuss unweigerlich nach hinten los und mündete in zwei deutlichen Niederlagen gegen Leipzig (0:3) und bei Fortuna Düsseldorf (1:4), ehe sich das Team beim 3:3 gegen die TSG Hoffenheim sowie dem 2:0-Sieg bei Hannover 96 wieder von seiner ausbalancierteren Seite präsentierten.

Trainer

Pal Dardai passt zu Hertha BSC wie der Bundestag zu Berlin. Schon bevor Dardai in Berlin das Zepter schwang, hatte der einstige Abräumer längst Kultstatus erlangt. Ungarns Fußballer des Jahres 1999 hielt in insgesamt 286 Bundesligaspielen seine Knochen für die Hertha hin, machte von Gütersloh in der zweiten Liga bis zu Milan in der UEFA Champions League alles mit und ließ 2012 als Rekordspieler und Klublegende bei der zweiten Mannschaft seine aktive Karriere ausklingen.

Fast fließend tauschte der 42-Jährige den Spielerpass gegen den Trainerschein und lernte in seiner zweiten Heimat auch das Trainerhandwerk von der Pike auf. Erst 2013 in der Berliner C-Jugend, dann 2014 parallel als Nationaltrainer seines Heimatlandes. 2015 plötzlich die Blitzbeförderung zum Cheftrainer bei seinem Herzensverein, wo er dabei ist, sich zum zweiten Mal zu verwirklichen. Erst als Retter, danach als konsequenter Stabilisator und nun immer öfter als mutiger Entwickler und Jugendförderer. Bezeichnend für die Zeitenwende unter dem Familienvater ist, dass sich unter den vielen Talenten im Kader auch Sohnemann Palko tummelt. Auch die beiden anderen Söhne kicken im Hertha-Nachwuchs.

Taktiktafel

Am Grundmuster 4-2-3-1 war in letzter Zeit selten zu rütteln. In konservativerer Ausführung sorgte die Doppelsechs um Arne Maier und wahlweise Marko Grujic oder Fabian Lustenberger vor der eingespielten Viererkette für defensive Verlässlichkeit. Im Spiel nach vorne ist seit dieser Saison die größere Strafraumpräsenz auffällig. Gaben in den Vorjahren die Routiniers Ibisevic und Kalou die Alleinunterhalter, stoßen mittlerweile gerne auch Zehner Ondrej Duda oder Liverpool-Leihgabe Grujic aus der Tiefe in die Box vor. Unlängst in Hannover lief mit Ibisevic und Davie Selke sogar eine Doppelspitze auf. Dagegen lässt sich gerade die defensive Allzweckwaffe Lustenberger im Spielaufbau situativ als zusätzliche Anspielstation zwischen die Innenverteidiger fallen.

Spieler im Fokus: Valentino Lazaro

Die höchste Steigerungsform der genannten Wechselspiele stellt gewissermaßen Valentino Lazaro dar. Der 22-Jährige kommt in Berlin zwar nominell meist als Rechtsverteidiger zum Einsatz, interpretiert seine Rolle aber extrem angriffslustig und ginge glatt als Außenstürmer durch. Kaum verwunderlich war der flinke Wirbelwind bereits an fünf Toren direkt beteiligt. Bemerkenswert: Der Allrounder, der sich auch im offensiven Mittelfeld wohlfühlt, verpasste noch keine Saisonsekunde und legte zu den meisten Torschüssen seines Teams auf (36).

Nicht weniger vielfältig liest sich die Vita der Erwerbung aus Salzburg, von wo er seit 2017 ausgeliehen war und zur laufenden Saison fest verpflichtet wurde. Trotz seiner Jugend hat der Sohn einer Österreicherin mit griechischen Wurzeln und eines Angolaners schon eine beträchtliche Titelsammlung vorzuweisen. Nicht nur vier Double-Gewinne mit Salzburg seit 2012 - darunter 2015 unter Adi Hütter - lassen aufhorchen, sondern auch Lazaros Status als jüngster in der österreichischen Bundesliga eingesetzte Salzburger aller Zeiten. Bei seinem Debüt war der Dauerbrenner 16 Jahre und 224 Tage alt. Und trotzdem hat seine Karriere womöglich erst Fahrt aufgenommen.

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