Im zwölften Anlauf konnte sich der FC Salzburg 2019 erstmals für die Königsklasse qualifizieren. Sechs Spektakel später sind die Bullen zurück in der Europa League. Und keinen Deut gezähmter.

Situation

Bei bloßer Betrachtung der in der Gruppenphase der UEFA Champions League erzielten Treffer wäre der FC Salzburg ein Aspirant aufs Halbfinale: Mit 16 Buden zählen die Bullen in dieser Hinsicht zu den besten Vier der UEFA Champions League. Dem gegenüber stehen allerdings auch 13 Gegentore, womit in dieser Spielzeit allein bei Partien mit Beteiligung Tottenhams mehr Tore fielen (32). Nach einem furiosen 6:2 gegen den KRC Genk glichen die Mozartstädter in Liverpool einen 0:3-Rückstand in der zweiten Halbzeit aus, mussten aber noch das 3:4 hinnehmen. Die Heimniederlage gegen Neapel konnte Salzburg mit dem 1:1 gegen die Italiener nicht wettmachen, hatten aber nach dem 4:1 in Genk das Weiterkommen am letzten Spieltag in eigener Hand. Hier erwies sich der FC Liverpool als abgezockter und gewann mit 2:0. Die Salzburger landeten somit auf Rang drei – und in der UEFA Europa League, jenem Wettbewerb, in dem sie in der Saison 2017/18 tatsächlich ins Halbfinale vorstießen und erst in der Verlängerung des Rückspiels gegen Olympique Marseille ausschieden.

Gleichfalls schieden der Natur beziehungsweise dem Ausbildungsmodell gemäß wichtige Protagonisten, deren Lücken regelmäßig vorherige Nebendarsteller füllten. Als da wären im vergangenen Sommer Marco Rose samt Trainerstab und Stefan Lainer zu Borussia Mönchengladbach, Diadie Samassékou und (über den FC Sevilla) Munas Dabbur zur TSG Hoffenheim oder Hannes Wolf nach Leipzig. Oder allein während der Winterpause Takumi Minamino nach Liverpool, Marin Pongracic zum VfL Wolfsburg und nicht zuletzt Erling Haaland, mit dessen Urgewalt es die Eintracht erst vor einer Woche im Bundesligaduell mit Borussia Dortmund zu tun bekommen hatte. Oder anders gesagt: Von den 16 Europapokaltoren sind durch Haaland (sieben) und Minamino (drei) der Großteil abgewandert.

Trainer

Nach dem genannten Trainerwechsel standen gleich mal alle Neune: Sieben Bundesligaspiele, ein ÖFB-Cup-Match, eines in der UEFA Champions League gewann Jesse Marsch seit seinem Amtsantritt als Cheftrainer des FC Salzburg und stellte damit gleich einen neuen Startrekord auf. Keine Frage, der 46-Jährige ist einer von der schellen Sorte – ganz nach Geschmack der RB-Oberen, mit Ralf Rangnick an der Spitze, dem Marsch wiederum 2018/19 als Co-Trainer in Leipzig assistierte.

Klein ist sie, die Fußballwelt, und noch kleiner innerhalb des Konzerns. Denn Marsch stammt weder aus Europa, geschweige denn dem DACH-Raum. Anders also als seine Vorgänger Marco Rose (2017 bis 2019), Peter Zeidler (2015), Adi Hütter (2014 bis 2015) oder Roger Schmidt (2012 bis 2014). Jesse Marsch ist US-Amerikaner, der erste in Salzburg, der erste in Österreich – der erste in der UEFA Champions League.

Im nordamerikanischen Äquivalent dazu, der CONCACAF Champions League, wiederum, trat Marsch mit NY zwei Mal an: 2016/17 war im Viertelfinale gegen die Vancouver Whitecaps Endstation, 2017/18 im Halbfinale gegen den späteren Sieger Deportivo Guadalajara. Mit Kontinentalkämpfen kennt sich der Ex-Profi, der als nur einer von drei MLS-Profis in jeder seiner ersten 14 Spielzeiten zum Einsatz kam, also aus.

Formkurve

Und genauso mit der Highspeed-Philosophie im Bullenstall, wo die nächsten Nachwuchshoffnungen bereits mit den Hufen scharren. Mit Noah Okafor kam vom FC Basel ein 19-jähriger Außenstürmer, der gemeinhin Jungnationalspieler und Abwehrchef Maximilian Weber (vormals Ajax Amsterdam und FC Sevilla) als Rekordtransfer ablöste. Zudem kehrten Karim Adeyemi, der in der Jugend des FC Bayern und der SpVgg Unterhaching fußballerisch groß geworden und international heiß begehrt ist, sowie Mergim Berisha vorzeitig von ihren Leihen zurück. Dem Offensivtrio Dominik Szoboszlai, Patson Daka oder Hee-Chan Hwang wird ohnehin noch mehr Verantwortung zuteil.

Die junge Schule mit schnellen, dynamischen, aggressiven und (tor-)hungrigen Spielern währt weiter. Auch in Frankfurt, wo mit Adi Hütter, Martin Hinteregger und Stefan Ilsanker genauso drei Österreicher auf der Erfolgswelle schwimmen wie ihr Ex-Verein, der am Freitag nach dem 2:3 im direkten Duell die Tabellenführung an den Linzer ASK abgeben musste, aber im nationalen Pokal nach dem 3:0 gegen Amstetten im Halbfinale steht, wo es ebenfalls gegen den LASK geht. Fehlt nach dem personellen Wintereinbruch nur der Nachweis der unveränderten internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Spieler im Fokus: Zlatko Junuzovic

Diesen ist der 43-malige Europapokalspieler Zlatko Junuzovic längst nicht mehr schuldig. Zumal dem österreichischen Double 2019, seinen ersten Titeln überhaupt, die Champions-League-Premiere folgte, womit sich gewissermaßen ein Kreis schloss.

Sein Debüt in der österreichischen Bundesliga gab Junuzovic unter Walter Schachner beim Grazer AK vor über 14 Jahren – im Derby gegen Sturm Graz am 14. Mai 2005 als Joker.  Der Aufstieg gipfelte schließlich in der Saison 2010/11, als der vielseitige Mittelfeldspieler für Austria Wien neun Ligatreffer erzielte und zu Österreichs Fußballer des Jahres avancierte. Im Januar 2012 erfolgte der Schritt in die deutsche Bundesliga, wo der laufstarke Junuzovic wahlweise in der Zentrale oder den Außenbahnen in sechseinhalb Jahren 198 Pflichtspiele bestritt und noch heute engen Kontakt zu ehemaligen Kollegen wie Theodor Gebre Selassie oder Trainer Florian Kohfeldt hält.

Neben seiner enormen Physis bringt der österreichische EM-Teilnehmer von 2016, der nach 55 Länderspielen im Juni 2017 aus der Nationalmannschaft zurücktrat, auch eine bemerkenswerte Schusstechnik mit. 2014/15 gelangen dem heute 32-Jährigen, vergleichbar mit einem alpinen Biathleten, allein per Freistoß fünf Treffer. Bis zu seiner Rückkehr in die Alpenrepublik sollten es insgesamt 22 Kisten werden. Die letzte schenkte er ausgerechnet Eintracht Frankfurt ein, als Werder im April 2018 zuhause 2:1 die Oberhand behielt.

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