Schlechtes Timing“, sagt meine Frau und sie hat natürlich recht. Jetzt zwischen abflauendem WM-Interesse und ansteigender Eintracht-Begeisterung vor dem Saisonbeginn eine Geschichte über Europameisterschaften?
Und nicht einmal über die deutsche Mannschaft?
Und über einen Protagonisten, der schon lange aus der Erinnerung verschwunden ist und weder Geburtstag, Jahrestag noch sonst irgendeinen Anlass bietet, über ihn zu schreiben?
Egal, man kann sich´s nicht immer aussuchen. Vielleicht interessiert es doch jemanden.
Also:
Kann man Fussballeuropameister werden, wenn man das Endspiel verliert?
Noch merkwürdiger:
Kann man Fussballeuropameister werden, wenn man das Endspiel gegen Uruguay (!) verliert?
Ich setze noch einen drauf:
Kann man Fussballeuropameister werden, wenn man das Endspiel gegen Uruguay (!) bei den Olympischen Spielen verliert?
Da bekanntlich im Fussball nichts unmöglich ist, liegt die Antwort auf der Hand:
Ja, man kann Fussballeuropameister werden, wenn man das Endspiel gegen Uruguay (!) bei den Olympischen Spielen verliert!
Der Schweizer Nationalmannschaft ist dieses Kunststück 1924 gelungen, und zwar so:
Das Olympische Fussballturnier von 1924 in Paris war das erste Turnier, dass der 1904 gegründete Fussballweltverband FIFA organisierte; die erste „richtige“ WM fand erst 1930, die erste „richtige“ EM erst 1960 statt.
Es ist also sicher nicht verkehrt zu sagen, dass bei diesem Turnier im Jahre 1924 erstmals die weltbeste Mannschaft ermittelt wurde.
Zur Teilnahme der Schweizer Nationalmannschaft zitiere ich aus einem Prospekt des Schweizer Bundesamts für Kultur:
…Die Schweizer Kicker starten als krasse Außenseiter. Selbst größten Optimisten erwarten nicht allzu viel. Die späteren Helden reisen mit einem Kollektivbillett an, dessen Rückreise nur zehn Tage lang gültig ist. Auch das Hotel ist nur bis nach dem Match gegen die Tschechen gebucht. Trotzdem schafft die Schweiz die Sensation: Nach Siegen gegen Litauen, die CSSR ( im Wiederholungsspiel ), Italien und Schweden qualifiziert sie sich für das Endspiel gegen Uruguay….
…Am 9. Juni 1924 spielen die Eidgenossen vor über 50.000 Zuschauern das Finale gegen das überragende Team von Uruguay. Das Spiel soll auch ein Medienereignis werden: Erstmals ist eine Radiodirektübertragung geplant. Allerdings scheitert das Ganze am Wetter. Der Wind weht den Ballon mit der Kabine des Radioreporters aus der Sichtweite des Stadions. Die Übertragung muss abgebrochen werden. Erst am nächsten Tag erfahren die Schweizer Radiohörer von der Niederlage gegen Uruguay. Gegen die von José Leandro Andrade, dem ersten Weltstar des Fussballs geführten Südamerikaner, hat die Schweiz keine Chance und verliert mit 0:3…..
Nach der herrschenden Logik war Uruguay damit als beste Mannschaft der Welt Weltmeister und die Schweiz als beste Mannschaft Europas eben Europameister. Die Basler Nachrichten titelten zum Beispiel: „Das Schlussspiel des Fussballturniers. Uruguay Weltmeister – Die Schweiz Europachampion.“
Der Schweizer Stil wurde dabei gerühmt; die „BZ“ formulierte exemplarisch: “…Die Schweiz spielt einfach, gerade, ohne Tricks, aber mit erschütternder Elementarität. Sie rammt den Gegner mit eiserner Stirn, wie ein Stier den Stier bekämpft…“.
Einer der Silbermedaillengewinner war – und das ist der eigentliche Anlass für den langen Vorspann – der Angriffsspieler Walter Dietrich von Servette Genf, der etwa ein Jahr später zur Eintracht wechselte und ab der Saison 1925/26 nicht nur für mehrere Jahre zum Publikumsliebling wurde, sondern auch zum Garant für sportliche Erfolge avancierte.
Während zu Beginn der zwanziger Jahre der FSV Frankfurt – zu dem übrigens etwa ein Jahr zuvor Dietrichs Mannschaftskamerad Robert Pache gewechselt war - ein Abonnement auf die Mainbezirksmeisterschaft hatte, gelang es der Eintracht unter Dietrichs Spielführung, dem FSV langsam aber sicher, den sportlichen Rang abzulaufen. Im Jahr 1925 hatte der Fußballsportverein noch das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreicht, ab 1927/28 wurde die Eintracht fünfmal in Folge Meister des Mainbezirkes, nahm regelmäßig an der Endrunde um die süddeutsche Meisterschaft teil, gewann diesen Titel 1930 und 1932, nahm folglich auch mehrfach an den Finalrunden zur Deutschen Meisterschaft teil und stieß bekanntermaßen 1932 auch dort bis ins Endspiel vor.
Ulrich Matheja bringt in seiner Eintracht-Pflichtlektüre „Schlappekicker und Himmelsstürmer“ einen Auszug aus dem „Kicker“ vom 27.Oktober 1925, der die Wirkung von Walter Dietrich deutlich macht; weil es so schön ist, hier in verkürzter Form einfach noch einmal:
„…Dietrichs Spiel ist ein Genuss. Er spielt mit ebenso viel Technik, wie Geist, mit ebenso viel Grazie, wie Kraft, mit ebenso viel Verstand, wie Können. Er ist kurzum ein Prachtspieler und der zweite Schweizer in Frankfurt, der eine Frankfurter Mannschaft in die Höhe bringen wird. Seine Sturmführung ist formvollendet. Seine Einzelleistungen begeistern. Ich habe viele Mittelstürmer gesehen, Ungarn, Tschechen, usw., aber nachdem was ich bis jetzt zu sehen bekam, muss ich Dietrich als einen der besten bezeichnen…“.
Walter Dietrich hatte in Basel begonnen, Fussball zu spielen, war dann am Genfer See bei dem kleinen Klub Forward Morges aufgefallen und zu dem grossen Verein Servette Genf gelotst worden. Nach dem Olympiaturnier 1924 in Paris trat er mit seiner Nationalelf auch 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam an, schied aber bereits nach einer Partie aus. Für die Schweiz bestritt er 14 Länderspiele, wobei aber festzuhalten ist, dass damals nur Einsätze von mindestens 45-minütiger Dauer als statistisch absolvierte Länderspiele erfasst wurden.
Einer seiner Mannschaftskameraden war dort übrigens der Spieler Max Abegglen, der von seinen Mitspielern „Xam“ genannt wurde, was wiederum zu dem Palindrom „Xamax“ führt und erklärt, wie der Fussballklub in Neuchâtel zu seinem Namen kam.
Für die Eintracht bestritt Walter Dietrich nach der Statistik des wunderbaren Eintracht-Archivs über 200 Pflichtspiele, wobei er im Schnitt in jedem dritten Spiel einen Treffer erzielte.
Um ihn gab es bereits einen echten Starrummel; hier zum Beleg noch einmal der „Kicker“ vom 27.10.1925:
„…Der Schweizer ist das Gesprächsthema der Fußballkreise geworden, besonders der Eintrachtkreise. Man trägt ohne Unterschied des Geschlechts – dank dem Bubikopf fällt´s nicht schwer – Dietrichsfiguren, es gibt Schirme, Marke Dietrich, es gibt Schuhe, Form Dietrich, es gibt Pralinen à la Dietrich, es wird bald Zigaretten à la Dietrich geben und die Speisehäuser und Cafés, die Wert auf Fußballkundschaft legen, werden nicht umhin können, eine Schildkrötensuppe à la Dietrich, ein Filetsteak à la etc. oder einen Magrazan à la Dietrich auf ihre Karten zu setzen…“.
In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre zog er das schwarzrote Jersey aus.
Da er bereits während seiner aktiven Zeit teilweise als Spielertrainer fungiert hatte, lag es nahe, auch nach der Spielerkarriere dem Fußball treu zu bleiben; der FC Basel führt in 1939 in der Funktion des Trainers.
Hauptsächlich jedoch schlug er die Laufbahn eines Bauunternehmers ein, wobei er auch in diesem Lebensabschnitt für die Eintracht tätig blieb: nach dem großen Tribünenbrand 1936 war seine Baufirma in erheblichem Maße am Wiederaufbau beteiligt.
Im November 1979 ist Walter Dietrich mit 76 Jahren gestorben.