Es klingt ja immer in den mittlerweile klassischen Pyro-Threads durch, dass das ja woanders auch wäre, dass das dazu gehöre, "südländische Atmosphäre" etc. Da wird auch immer gerne als Beispiel Italien genannt. Klingt auch jetzt immer wieder durch, aber da muss ich doch das Weltbild einiger Kollegen hier mit Fakten stören. Ist aus. Vorbei.
Wir schlagen erst mal auf dem knallharten Boden der Tatsachen auf:
Gesetz vom 4. April 2007, n. 41. "Umwandlung der Notverordnung vom 8. Februar 2007 n 8. in ein Gesetz, Anwendung dringender Maßnahmen zur Prävention und Repression von Gewaltereignissen im Zusammenhang mit Fußballwettbewerben." (Decreto Amato)
http://www.camera.it/parlam/leggi/07041l.htm
Da steht unter Artikel 3.1:
".....wer 24 Stunden vor, danach oder während einer Sportveranstaltung oder in Verbindung mit einer Sportveranstaltung (An- und Abreise, Anm. schusch) Bengalos, Feuerwerk, Böller, Nebelzeugs (usw.) wirft oder benützt....wird mit einer Freiheitstrafe von einem bis vier Jahre bestraft. Die Strafe kann bis um die Hälfte erhöht werden, wenn Personen zu Schaden gekommen sind."
Unter 3.2 steht
" .....in Besitz von......wird mit einer Freiheitstrafe von einem halben bis zu einem Jahr bestraft, zusätzlich einer Geldstrafe von 1.000 bis 5.000 Euro."
Das so mal schnell ins Deutsche. Auf richtig Deutsch heißt das: Wenn Du mit so einem Ding auch nur in Stadionnähe erwischt wirst, gehste in den Knast! Abführen, Schnellgericht, ab in die Kiste, und dann immer schön nach hinten gucken, wenn man die Seife aufhebt.
Und das wird durchgesetzt.
Und dann gibt es auch diverse andere Dinge, die das Leben als Fußballfan dort erschwerlich machen. Selbst als Normalo, der einfach nur mal Fußball gucken will. In meiner letzten Urlaubsplanung war oben auf der Liste Fiorentina-Bologna. Ein schönes Regionalderby mit Feuer dahinter, etwa so wie KSC-SGE. Hab ich da unten blöd geguckt, weil nur Dauerkarteninhaber dort rein durften. Jeglicher Verkauf von Tagestickets war untersagt. Wär das eine Sicherheitsstufe drunter gewesen, wär ich immer noch nicht reingekommen, da ich keinen Wohnsitz in der Provinz Florenz habe.
Ich bin dann zu einem belanglosen Siena-Sampdoria gegangen, für das ich für ein Ticket im Rentnerblock frühmorgens meinen Perso abgeschrieben habe lassen, beim Einlass dann zweimal kontrolliert wurde, ob das auch so stimmt, filzen sowieso, auch bei der Freundin, und nervt.
Und das alles, was wir so als Ultrà-Support bezeichnen, gibt es da nicht mehr. Keine Megaphone, keine Großbanner, alles das, was wir hier als Ultrà bezeichnen, gibt es dort so nicht mehr. Ultràs gibt es da noch, aber diese Fußballkultur nicht mehr.
Die dortige Situation auf Deutschland übertragen hieße das, von uns wäre keiner in KA gewesen. Und für Berlin hätte man sich vorher ein persönliches Ticket in Frankfurt ausstellen lassen müssen. Dort vor Ort wär gar nix gegangen.
Das alles ist seit dem "Decreto Pisanu" so.
http://www.ballesterer.at/index.php?art_id=296
http://www.sicurezzaonline.it/leggi/legs...50606acc.htm
Und das ist da so auch allgemeingesellschaftlicher Konsens: "So ging es nicht weiter, es musste was getan werden." Die Zahlen geben dem ganzen auch ja Recht. Auf der Seite vom Innenministerium steht: 44% weniger Spiele mit Verletzten aber 35% mehr Verhaftungen und 187% mehr Anzeigen. Das Minus ist, was zählt, das Plus bedeutet: Endlich mal durchgegriffen für den Durchschnittsitaliener.
http://www.interno.it/mininterno/export/...6179790.html
Dass da eine ganze Fankultur trocken gelegt wurde, finden nur die wirklichen Fußballfans, also so Leute wie wir, schade. Man will sich an dem "Modello Inglese" orientieren. Also Fußball in England seit dem Taylor-Report
http://de.wikipedia.org/wiki/Taylor_Report. Das heißt konkret für den Fußball-Fan: Schön sitzen bleiben und ja nicht zu laut werden.
Man mag ja über den Zustand des italienischen Staatswesen denken, was man will, kommt meistens nichts gutes bei raus, wenn man damit anfängt, aber so sieht das heute aus. Das ist der Zustand einer Entwicklung, die man vielleicht auch hätte anders gestalten können, wurde aber nicht gemacht. Weil keiner selbst Verantwortung für sein Handeln übernommen hat, keiner!, und irgendwann mit dem ganz großen Hammer druff gekloppt werden musste, weil es sonst nicht mehr beherrschbar war.
Es hat ein Vorgeschichte. Raciti, Sandri, und wer mir jetzt mit dem Pyro-Einsatz beim Mailänder CL-Derby kommt: Das ist auch ein Grund, warum es jetzt so ist, wie es ist. Den ersten Pyro-Toten gab es mit mit Paparelli
http://www.youtube.com/watch?v=Mx0E3wMuB...ure=related. Pyro kann toll gewesen sein (warum bin ich denn in Italienischen Fußball und das Drumherum denn so verliebt?), aber es war schon immer etwas fragwürdig. Wer mal in Florenz war (z.B. bei diesem Länderspiel) kennt ja das das Käsestückchen, den Gästeblock mit 5 Meter hohen Maschendrahtzaun drum herum. Wie da die Bengalos da drüber hin und zurückflogen, war rein sportlich gesehen schon eine Leistung. Aber eben keine schöne Choreo.
Aber wir reden ja nicht nur von dort sondern auch über uns. Wer denkt, einmal Pyro kann man sich wie auf der Speisekarte bestellen ("Einmal Menü Pyro, kostet soundso viel, nehm ich, Rechnung bitte an den Verein") liegt falsch. Das Ding in KA hat verdammt schlechte Presse gebracht. Nachdem gerade in Jena so was ähnliches passiert ist, sehen diese ganzen Leute, die uns einschränken wollen, die den handzahmen, kommerziellen Fußball wollen, Handlungsbedarf und -anlass, weil die bisherigen Sanktionen ja offensichtlich nicht ausreichen. Wie es anders geht, zeigen uns England und Italien. Wollen wir das?
Aber das führt jetzt zu weit, ich wollte ja nur über ein Mißverständnis aufklären.