Dieser Bericht wurde von mir schon einmal in
www.Eintrachtfans.de veröffentlicht. Andy Klünder bat mich damals, etwas aus der Zeit des Bundesligaskandals zu schreiben, weil diese Epoches den meisten Lesern nicht in dieser Form bekannt war. Teils, weil die Erinnerungen schon verblasst waren, teils aber auch, weil viele zu der damaligen Zeit noch gar nicht auf der Welt waren.
Ich denke, es gibt auch im Forum eine ganze Menge Leser, die sich dafür interessieren dürften. Viel Spaß beim Lesen!
Der 29. Mai 1971 war ein Tag, an dem man schon beim Aufwachen das Gefühl hatte, heute geschieht etwas ganz Besonderes. Die Sonne strahlte vom Himmel und die Bäume zeigten ihr festlichstes Grün. Doch das interessierte mich damals nicht die Spur. Von mir aus hätte es auch Katzen regnen können. Mir ging nur eins im Kopf herum, das Spiel meiner Eintracht bei den Unaussprechlichen. Die Situation war ebenso klar wie unerfreulich- bei einer Niederlage war die Eintracht so gut wie abgestiegen, denn am letzten Spieltag ging es gegen den designierten Meister Mönchengladbach. Ganz am Ende der Tabelle stand RW Essen und die waren schon so gut wie weg vom Fenster. Davor RWO und Bielefeld. Wir standen nur unwesentlich besser da und direkt vor uns standen die Ghettobewohner
14. (14) Offenbacher Kickers .......(N) 32 9 9 14 47:59 27:37
15. (16) Eintracht Frankfurt .......... 32 10 6 16 36:52 26:38
16. (15) Arminia Bielefeld .........(N) 32 10 5 17 32:53 25:39
17. (18) RW Oberhausen ................ 32 8 8 16 50:68 24:40
18. (17) RW Essen ..................... 32 7 9 16 44:61 23:41
Bielefeld und RW Oberhausen hatten sich merkwürdigerweise in Auswärtsspielen Punkte verschafft, die man ihnen nicht unbedingt zugetraut hatte, so z.B. siegte Bielefeld in Schalke und gegen Köln, während RWO bei Köln und gegen Schalke triumphierte.
Es sah also alles andere als gut aus für meine Eintracht. Ein Sieg mußte her- bloß wie? Immerhin waren wir mit 4 Punkten die mit Abstand schwächste Auswärtsmannschaft (und blieben es auch am Ende der Saison)
Egal, blauäugig wie man damals war, dachte man noch nicht an so böse Dinge wie den Bestechungsskandal, der die Bundesliga mit einem Schlag durcheinander wirbeln sollte. Merkwürdige Ergebnisse gegen Ende einer Saison hatte es immer schon gegeben und gab es danach auch noch häufiger. Ärgerlich nur, daß Mannschaften wie Bielefeld und Oberhausen auf einmal nur noch ganz knapp hinter uns standen und man sich absolut keine Schwachheiten mehr erlauben konnte.
Natürlich hatte ich im Vorfeld versucht, mir für das Spiel eine Karte zu organisieren, doch zum ersten Mal in meiner noch jungen Fankarriere hatte ich kein Glück. Alle Vorverkaufsstellen meldeten „Ausverkauft“. Egal, das Spiel mußte ich sehen. Zum ersten Mal die Müllhalde live erleben- das war es, was ich wollte.
Von Bad Homburg aus mit dem Zug zum Hauptbahnhof, von dort mit dem „Sonderzug“ (Straßenbahn Linie 16) nach OF und von der Endhaltestelle zu Fuß zum Müllberg, so hatte ich es mir vorgenommen. Die Fahrt von HG nach Frankfurt lief ab wie jede Fahrt zu einem Heimspiel damals. Man traf die üblichen Verdächtigen unterwegs und erfuhr, daß keiner von ihnen eine Eintrittskarte hatte. Beim Umsteigen in die Straßenbahn merkte man schon die prickelnde Stimmung der Mitfahrer. Zwar waren es anfangs noch viele, die vom Samstagseinkauf zurück kamen, doch von Haltestelle zu Haltestelle wurden die schwarz-weißen Fahnen und Mützen immer zahlreicher. Die ersten Gesänge wurden angestimmt und beim Überschreiten der Stadtgrenze war in der Bahn eine Bombenstimmung.
Etwas problematisch wurde es, als man auf dem Ghettogebiet an den Haltestellen verstärkt rot-weiße Torfköpfe zu sehen bekam, die zu allem Überdruß auch noch mitfahren wollten. Es gelang uns aber, die Bahn von diesem Gesocks frei zu halten, was mit einem gewissen körperlichen Aufwand verbunden war, denn so ohne weiteres wollte man uns die Bahn nicht alleine überlassen. Besonders cool fand ich den Spruch des Fahrers, der nur meinte:“ Ihr Buuwe, des habt ehr guuut gemacht!“ Anyway, wir hielten die Stellung und hatten so tatsächlich einen eigenen „Sonderzug“ mitten durch das Ghetto.
An der Endhaltestelle erst mal raus zum Luftholen. Ich staunte nicht schlecht, als ich von einer netten jungen Dame eine Zeitschrift namens „Happy Weekend“ in die Hand gedrückt bekam. Ich blätterte darin herum und wunderte mich etwas, daß da absolut nichts über das bevorstehende Spiel stand. Nicht mal die Mannschaftsaufstellungen konnte ich dieser etwas gewagten Publikation entnehmen, obwohl darin jede Menge Personen vorkamen, meist allerdings nicht in vorschriftsmäßiger Spielkleidung, manche überhaupt nicht bekleidet. An diesem Tag hatte ich im zarten Alter von 17 Jahren meine Unschuld verloren...
Das Kartenproblem harrte immer noch einer Lösung. Die Kassenhäuschen, lausige Baracken, waren erst gar nicht geöffnet worden und die Schwarzmarktpreise lagen bei etwa 50 DM für einen Stehplatz. Wenn man das auf die heutige Zeit umrechnet, dann würde das etwa 120 Euro entsprechen. Natürlich werden jetzt einige ebay-Aktivisten sagen, na wenn schon, das muß es dir doch wert sein. Das Problem an der Sache war, daß ich 50 DM damals einfach nicht hatte. Mehr als ein Pfund konnte ich nicht zusammen schnorren und das war schon schwer genug. Mir blieb also gar nichts anderes übrig als zu warten, bis die Preise sanken. Naturgemäß dauert das manchmal bis über den Spielbeginn hinaus. Hartnäckige Schwarzhändler, die das Spiel überhaupt nicht interessiert, gab es damals zum Glück noch nicht und so kam es, daß ich eine Karte zu äußerst schlanken 10 DM erwerben konnte. Allerdings wußte ich nicht, in welchem Fanblock ich landen würde.
Sicherheitshalber steckte ich meine Mütze erst mal in die Tasche. Die Fahne hatte ich ohnehin nicht dabei; war mir dann doch zu heikel. Trikots gab es damals kaum. Das Merchandising war damals noch nicht als Einnahmequelle entdeckt worden und so dominierten selbstgestrickte Schals und Pudelmützen, alles in schwarz-weiß.
Der entsprechende Block war schnell gefunden, aber die letzten Reihen standen wie eine Mauer und an ein Durchkommen war nicht zu denken. Da sah ich die Rettung- ein Eisverkäufer, der sich einen Weg in meinen Block bahnte. Ich weiß bis heute nicht, wieso eine kompakte Meschenmenge vor einem Eisverkäufer zurückweicht, aber er schaffte es mit großer Routine, eine Schneise in die Menge zu schlagen, und in seinem Sog ging ich einfach hinterher. Ich fühlte mich dabei wie Moses, der das Rote Meer trockenes Fußes durchschritten haben soll, immer mit der Befürchtung, die Wellen schwappen irgendwann über mir zusammen. So war die erste Viertelstunde des Spiels bereits vorbei und ich hatte zum ersten Mal einigermaßen freie Sicht auf das Spielfeld und was ich da sah war so unglaublich, daß ich es nicht fassen konnte. Ich wußte immer noch nicht, ob ich im Feindesblock gelandet war, aber soeben schoß Bernd Nickel ein „Tor des Jahrzehnts“ mit einem Seitfallzieher, der später noch in etlichen Auswahlsendungen zu sehen war.
In diesem Moment war mir sch...egal, ob ich ein paar auf die Schnauze kriege oder nicht- ich hob ab zum Torjubel und- war erleichtert, als alle, die um mich rumstanden, ebenfalls so einen Drang nach oben verspürten. Die Eintracht führte 1-0 und vor allem, sie spielte endlich mal auswärts attraktiven Fußball. Wenn man sich überlegt, in welcher Aufstellung die Mannschaft damals gespielt hat, dann ist es aus heutiger Sicht ohnehin nicht mehr nachvollziehbar, warum sie überhaupt in Abstiegsgefahr geraten konnte. Im Tor spielte Kunter, in der Abwehr Reichel, Wirth, Lutz und Trinklein, im Mittelfeld Kalb, Nickel und Lindner und im Sturm der Jungnationalspieler Grabowski, sowie Hölzenbein und Horst Heese. Erich Ribbeck war bereits seit vier Jahren (!) Trainer und stand auch während der größten Abstiegsgefahr nie ernsthaft vor seiner Entlassung.
Die Rotweißen griffen jetzt wütend an, doch die Eintracht-Abwehr hielt locker stand. Sollte sich wirklich bewahrheiten, was mir durch den Kopf ging- die wirklich wichtigen Duelle mit dem Pöbel aus der Bronx gewinnen wir? Ich dachte an 1959, als ich noch zu jung war, um mich für Fußball zu interessieren. Aber einer von damals war auch heute noch dabei und dem hatte die Eintracht in der laufenden Saison wirklich viel zu verdanken. Dieter Lindner wurde, als bei der Eintracht die Lichter auszugehen drohten, zu seinem Comeback überredet und der machte heute erneut eine überragende Partie.
In der zweiten Halbzeit rannten die Kickers wie die Hasen gegen eine Wand. Sie erkämpftern sich zwar eine optische Überlegenheit, doch spätestens beim Zahnarzt im Tor war Endstation. Als sie sich so richtig eingespielt hatten, fiel aus heiterem Himmel durch einen Konter von Bernd Hölzenbein die Entscheidung. 2-0, das war zuviel für die Barackos. Scharenweise verließen die Zuschauer etwa eine Viertelstunde vor Schluß den Ort des Entsetzens. Der Adler über der Müllhalde war aufgestiegen und er kreiste und stieg immer höher hinauf in den sonnigen Nachmittagshimmel.
Das Spiel war aus und die Eintracht hatte verdient gewonnen.
14. (15) Eintracht Frankfurt .......... 33 11 6 16 38:52 28:38
15. (14) Offenbacher Kickers .......(N) 33 9 9 15 47:61 27:39
16. (16) Arminia Bielefeld .........(N) 33 11 5 17 33:53 27:39
17. (17) RW Oberhausen ................ 33 9 8 16 53:68 26:40
18. (18) RW Essen ..................... 33 7 9 17 47:65 23:43
Wie sich der oben stehenden Tabelle entnehmen läßt, war der Sieg bitter nötig, denn bei einer Niederlage wäre man auf den 17. Tabellenplatz zurück gefallen. Bielefeld hatte gegen die charakterlosen Stuttgarter Spätzlefresser gewonnen, während Oberhausen den Bremer Fischköppen den Garaus gemacht hatten. Aber es sollte noch schlimmer kommen...
Der Heimweg war dann nicht mehr ganz so spaßig, denn bis zur Endhaltestelle der Trambahn war es doch ein ganzes Stück zu laufen und auch wenn man im Rudel mit gleichgesinnten unterwegs ist, sollte man zumindest auf die Deckung achten, wenn man sich als Minderheit in einer verstrahlten Stadt betrachten darf. Jedenfalls hatten sich etliche Assos ,wahrscheinlich diejenigen, die das Spiel schon früher verlassen hatten, zusammen gerottet und wollten uns das beschleunigte Laufen beibringen. Ich war damals zum Glück noch etwas sportlicher (heute würde ich wahrscheinlich Verhandlungen über die ständige diplomatische Vertretung führen) und bekam deshalb nicht so furchbar viel auf die Backen wie einige andere, die neben mir waren. Wenigstens hatten sich die Zecken nur mit Dachlatten ausgerüstet, heute wären wahrscheinlich schwerere Kaliber wie Baseballschläger dabei gewesen. Das letzte Gefecht führten wir dann an der Endhaltestelle. Mittlerweile interessierte sich auch Grün-Weiß Wiesbaden für den Ausgang der dritten Halbzeit und so kam es, daß sich der Pöbel doch relativ schnell in seine Rattenlöcher verzog und wir ungehindert die Straßenbahn okkupieren konnten.
Bei dieser Szene sei angemerkt, daß sich die Polizei damals noch nicht so sehr um die Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Fanlagern kümmerte. Es galt das Prinzip der "Deeskalation" allerdings anders, als das, was man heute darumter versteht: Man mischte sich erst dann ein, wenn einzelnen Leuten oder einer Gruppe ernsthafte Verletzungen drohten. Ansonsten beschränkte man sich eher auf die Rolle des interessierten Zuschauers. Verständlich, denn man war vielleicht mit insgesamt 200 Beamten um den gesamten Stadionbereich vertreten. Heutzutage würden die rivalisierenden Gruppen vermutlich eingekesselt, erkennungsdienstlich behandelt und mit insgesamt ca. 5000 Jahren Stadionverbot versehen. So ändern sich die Zeiten!
Seltsamerweise waren wir auch diesmal fast völlig unter uns und nach der Abfahrt begannen wir vor Freude durch den Wagen zu hüpfen. Erst ging das völlig unkontrolliert, aber nach einiger Zeit hatten wir einen Rhythmus drauf, der einem Martin Stein zur Freude gereicht hätte. Durch das regelmäßige Springen bekam die klapprige Trambahn auf einmal so etwas Schwereloses und dann war es geschafft- kurz vor der Stadtgrenze wurden die Schwingungen so heftig, daß sich die Räder kurzzeitig aus den Schienen bewegten. Zum Glück war das nur ein kurzer Moment und die Räder rasteten dann wieder an der richtigen Stelle ein, aber der Fahrer war nicht bereit, unter diesen Umständen weiter zu fahren. Muß man sich mal vorstellen, mitten in Feindesland sollten wir die Bahn verlassen. Es kostete uns eine Menge Überredungskünste, bis wir ihn davon überzeugt hatten ,daß er die Fahrt doch fortsetzen sollte.
(Ich habe danach nur noch einmal eine ähnliche Situation erlebt. Als ich beim Pokalendspiel von Union Berlin gegen Gazprom 06 in der S-Bahn mitgefahren war, schafften es die Fans der "Eisernen", eine recht flott fahrende Bahn der "Holzklasse", durch rhythmisches Hüpfen fast zum Entgleisen zu bringen. Dazu befragt sagte einer von ihnen, daß das zu Zeiten der DDR so eine Art Volkssport gewesen sei.)
Tja, was war der Sieg wert? Natürlich ein Prestigeerfolg und zwei wichtige Punkte gegen den Abstieg. Aber da war ja noch ein Spieltag! Und da waren noch die merkwürdigen Spielergebnisse von Bielefeld und Oberhausen! Wenn das mal gut geht...
Nun, das Ende der Saison ist bekannt. Die Eintracht verlor zwar ihr Spiel gegen Mönchengladbach mit 1-4, aber auch die OFX’ler verloren mit 2-4 in Köln. Sie wären aber trotzdem nicht abgestiegen, wenn damals alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. So kaufte sich Bielefeld einen Sieg bei Hertha BSC und es war grausam anzusehen, wie die Berliner ihre zahlreichen Torchancen allesamt neben das Tor semmelten. Auch Oberhausen kaufte sich noch ein 1-1 in Braunschweig und rettete sich damit. Die Offebescher waren somit zum Abstieg verdammt und es nutzte ihnen auch nichts, daß ihr Präsident Canellas am kommenden Tag mit einem Tonband den größten Skandal der Bundesliaggeschichte enthüllte. In diesen waren zum Ende der Saison Hertha, Schalke, Duisburg, Braunschweig, Köln, Stuttgart, Bielefeld, Oberhausen und Offenbach mit mehr oder weniger große Anteilen verwickelt.. Bielefeld wurde aus der Liga ausgeschlossen, weil man ihnen den „Kauf“ von mehreren Spielen nachweisen konnte. Sie mußten in die Regionalliga absteigen. Und obwohl die Ghettobewohner nachweislich kein einziges Spiel „gekauft“ haben, sondern nur Leistungsprämien an die Gewinner gezahlt haben, mußten sie dennoch absteigen und erhielten 2 Jahre keine Lizenz. Seltsame Urteile wurden damals gesprochen, aus heutiger Sicht bisweilen nicht nachvollziehbar. Wenn man sich allerdings die Lizenzvergabepraktiken der letzten Jahre anschaut, muß man feststellen, daß sich daran nichts geändert hat. Der Willkür sind Tür und Tor geöffnet. Verständlich, daß gerade unsere Nachbarn im Osten auf den DFB nicht gut zu sprechen sind.
Einzig unsere Eintracht war damals frei von Schuld und konnte sich zum Glück auf rein sportliche Art retten.
Hier noch einmal ein Ausschnitt aus der Tabelle des 34. Spieltages:
14. (16) Arminia Bielefeld .........(N) 34 12 5 17 34:53 - 19 29:39
15. (14) Eintracht Frankfurt .......... 34 11 6 17 39:56 - 17 28:40
16. (17) RW Oberhausen ................ 34 9 9 16 54:69 - 15 27:41
17. (15) Offenbacher Kickers .......(N) 34 9 9 16 49:65 - 16 27:41
18. (18) RW Essen ..................... 34 7 9 18 48:68 - 20 23:45