JayJayGrabowski schrieb:Erstens veranschaulichst Du sehr schön, was mit dem Ausdruck "Besser-Wessi" so gemeint ist. Und zweitens war ja gerade die gesamtdeutsche Zeit vor der DDR besonders ehrenvoll und ruhmreich.
Zu erstens: Das übliche, billige Totschlagargument, wenn man jemandem sagen möchte, daß ihn das alles nichts angeht und er sich raushalten soll - bitte, geschenkt.
Zu zweitens: So könnte man in der Tat argumentieren. Aber wer hier leicht abfällig über die "Vereine aus dem Kaiserreich" redet, der sollte sich vor Augen führen, daß er diese Vereine aus dem Kaiserreich jeden Samstag in der Sportschau sieht: Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Bayern München, Hannover 96, Hertha etc. - allesamt im Kaiserreich gegründet, ebenso wie der Eintracht-Vorgänger Frankfurter FC Victoria 1899. Diese Vereine sind die Originale; niemand zweifelt an ihrer Legitimität, obwohl sie zu Zeiten gegründet wurden, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Kein Wunder: Es gab ja keine Vorgänger, die von ihnen ersetzt wurden, das war eben die Anfangszeit des Vereinsfußballs in diesem Land.
All diese Vereine kennt Ihr nur deshalb unter diesen Namen, weil sie das Glück hatten, nach 1945 nicht in der sowjetisch besetzten Zone zu liegen, so dass sie weiterexistieren und ihren Namen behalten durfen. Alle Vereine auf dem Gebiet der SBZ hingegen wurden (wie der VfB Leipzig) zwangsaufgelöst und mussten nach ihrer Wiedergründung Namen wie "Lokomotive", "Motor", "Traktor" etc. annehmen. Es ist ja nicht etwa so, daß die Vereine irgendeine Wahl gehabt hätten, sie haben nicht "sich umbenannt" oder "sich aufgelöst", sondern sie
wurden aufgelöst und umbenannt. Ab 1990 wurde in vielen Städten dieses frühere Unrecht wieder rückgängig gemacht, und u.a. wurde aus der Lok wieder der VfB. Später wurde das Ganze teilweise wieder rückgängig gemacht, und damit wurde - im Fall von Lok/VfB - das Unrecht aus DDR-Zeiten für alle Zunkunft zementiert. Es gibt schlimmeres, sicher - aber gutfinden kann ich das trotzdem nicht.
Im Falle des FC Sachsen Leipzig gab es keinen besonders ruhmreichen Vorgängerverein, deshalb wurde 1990 ein neuer gegründet. Ich kann ja sogar noch verstehen, wenn viele ältere Fans mit "Chemie" angenehme Erinnerungen verbinden und sie sich mit dem Namen irgendwie mehr identifizieren. Aber eigenartigerweise heißt der FC Erzgebirge Aue noch immer so und wird nicht wieder in "Wismut" umbenannt. Wenn die sportlichen Erfolge annehmbar sind, ist der heutige Name also der richtige, aber wenn nach andauernden sportlichen Misserfolgen der Verein heruntergewirtschaftet und am Ende ist, wird plötzlich der DDR-Name wieder hervorgeholt - als ob es am Namen gelegen hätte. Es ist auffällig, daß aus allen Ecken wieder "Lok", "Stahl" und "Dynamo" hervorkommen - ich glaube einfach nicht, dass das alles nichts mit Ostalgie zu tun haben soll.
Ich bevorzuge jedenfalls die Vereine mit normalen, neutralen Namen wie Rot Weiß Erfurt, Hansa Rostock oder Chemnitzer FC. Die tragen nicht den direkten Hinweis auf "Osten" im Namen und meiner Meinung nach eher im wiedervereinigten Deutschland angekommen. Wie einst der nunmehr leider untergegangene FC Sachsen Leipzig. Hat halt nicht sollen sein...