Es ist der 28. August 2010, 15.29 Uhr und die Mannschaften von Eintracht Frankfurt und dem Hamburger SV kommen im ausverkauften Waldstadion aufs Feld. Die 51.500 Zuschauern verwandeln die Heimstätte der Adler unter den aufgeweckten Augen des faszinierendsten Maskottchens aller Fußballvereine, Attila, in einen Fußballtempel der Extraklasse. Im Konfettiregen des Stadtwalds fiebern die Anhänger dem ersten Saisonsieg entgegen, der europäische Fußball soll schließlich Einzug halten im nächsten Jahr um diese Zeit.
Es ist der 27. Februar 2005, 14.59 Uhr und die Mannschaften von RW Oberhausen und Eintracht Frankfurt kommen vor 5.800 Zuschauern im Stadion Niederrhein aufs Feld. Es herrschen eisige Temperaturen. André versucht krampfhaft seine Finger zu wärmen, um den Live-Ticker aufrecht zu halten. Doch auf den zugigen, einfachen Presseplätzen von Oberhausen beißt ihn die Kälte schon vor dem Anpfiff. 2. Liga halt. Die Eintracht liegt 8 Punkte hinter den Aufstiegsplätzen. Die Liga besteht aus vielen Dritt- und Viertligisten von heute: Erfurt, Ahlen, Dresden, Essen, Saarbrücken, Burghausen, Trier und Unterhaching.
Fünfeinhalb Jahr liegen zwischen diesen beiden Ereignissen. Hoffentlich können sich noch viele an damals erinnern. Wir hatten kein Geld, sogar Schulden, waren sogar dem Lizenztod einige Spielzeiten zuvor von der Schippe gesprungen. Der Aufstieg schien weit entfernt, Eintracht Frankfurt dümpelte trostlos in den Niederungen der Zweitklassigkeit. Den großen Fußball sahen wir in der Sportschau.
Genau an jenem Spieltag, an dem wir gegen den HSV um die Plätze im internationalen Geschäft kämpfen, spielt heute unser kleiner Nachbar FSV Frankfurt in Oberhausen. Wäre alles anders gekommen, und viel hat nicht gefehlt, egal wie wir diesen Gedanken auch verdrängen wollen, dann könnten wir heute an ihrer Stelle stehen.
So ist es nicht gekommen. Das ist gut und auch normal so. Eintracht Frankfurt gehört zu den Top-Mannschaften der Bundesliga. Die neue Zielsetzung entspricht nach Jahren des Etablierens in der Liga dem normalen sportlichen Anspruch. Denn Hand aufs Herz, das Verweilen im gesicherten Mittelfeld mag seriös sein, aber langweilig wird es schnell auch. Die Erwartungshaltung nimmt zu, die Namen im Kader werden klangvoller, nun darf man also endlich mal mehr erwarten. 50 Punkte sollen es schon sein, mindestens.
Das wird schwer. Für dieses Ziel hat man in dieser Saison nämlich nur noch 32 Spieltage Zeit. Das alleine wäre vielleicht gar nicht mal das Problem. Aber durch die zwei Pleiten zum Auftakt ist die Stimmung gereizt. Die Tür hat sich geöffnet und hinter ihr wartet Heriberts bösartigste Vision: Die Spirale des Misserfolgs. Gleich nebenan steht die Spirale des Erfolges. Aber die Tür ist erstmal verschlossen. Irgendjemand hat den Schlüssel versteckt. Wenn man einmal im Raum der Spirale des Misserfolgs ist, kommt man aber sowieso nur noch schwer heraus und ist dann erstmal im Flur des gesicherten Mittelfelds gefangen. Wer es nicht glaubt, kann bei Hertha BSC ja mal nachfragen.
Und was ist die Moral von der Geschicht? Unterschätze die Gefahren und Chancen einer Saison mal nicht.
Auf dem Weg zum Parkplatz hörte ich einen unserer Anhänger sagen: „So ein Mist, jetzt ist die Saison doch gelaufen. Das wird nix mehr mit dem Europapokal.“ Eine ganz gefährlich Denkweise. Erstens weil sie falsch ist, es werden noch 96 Punkte vergeben, alles ist möglich. Aber wirklich alles. Fußball ist unvorhersehbar und eine Saison ist gefährlich. Man kann durch glückliche Fügung leicht mal in die Nähe der internationalen Plätze kommen, ebenso kann man durch geringfügiges „Dumm gelaufen“ ruckzuck im Abstiegskampf landen.
Es gibt keine Garantie, dass man trotz sorgfältiger seriöser Planung , trotz vermeintlicher Steigerung der Kaderqualität, Gefahr läuft, in wenigen Monaten alles zu verlieren, was man mühsam aufgebaut hat. Beispiel Hertha: Steigt man nicht sofort wieder auf, dann könnte der Klub enden wie 1860 München oder der KSC.
Von daher sollten wir alle jetzt zu diesem frühen Zeitpunkt unsere Blickrichtung ändern: Kampf gegen den Abstieg. Gemeinsam frühzeitig ankämpfen gegen das Hereingeraten in die gefährliche Spirale des Misserfolgs, die alles zerstören kann, wenn man aus ihr nicht mehr heraus gerät. Jeder Punkt zählt. Und wir tun gut daran, nicht den Abstand zum 5. Platz im Auge zu behalten, sondern den Abstand zum 17. Platz.
Es ist geil in der Bundesliga zu spielen. Und es ist auch geil, im Mittelfeld der Bundesliga zu spielen. Oberhausen ist noch nicht lange her, ich weiß es zu schätzen. Klassenerhalt sichern, sich darüber freuen. Dann sehen, was noch möglich ist.
Ja, man kann auch eine Saison genießen, in der frühzeitig die Ziele nach unten korrigiert werden müssen. Erfolg ist nicht selbstverständlich, man hat kein Recht darauf, nur weil man lange genug auf ihn gewartet hat. Und auch die Konkurrenz verstärkt sich pausenlos und entwickelt sich weiter.
Viele Grüße
Jermi