Keine besonders guten Tage, um einen Vorbericht zu schreiben. Ich versuche es trotzdem. Also: Am Samstag, den 28.2.2009 findet im Frankfurter Waldstadion die Begegnung der 1. Bundesliga zwischen Eintracht Frankfurt und Schalke 04 statt. Anpfiff ist um 15.30 Uhr. Das Stadion ist ausverkauft. Entgegen anders lautenden Vermutungen geht es vor allem um eins: Fußball.
Schalke-Collage: 11 Freunde und eine Bratwurst
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Nehmen wir mal an, wir reden über Schalke 04. Und nehmen wir weiter an, dass folgende Namen und Begriffe nicht genannt werden dürfen:
Nadw
Albert Streit
Kevin Kuranyi
Gazprom
Rudi Assauer
6:0
Was fällt euch dann zu Schalke ein? Hier ein paar Puzzle-Teile von mir.
Eine meiner ersten Erinnerungen an Schalke 04 hängt mit einem Buch zusammen. Als fußballbegeistertes kleines Mädchen las ich alles über Fußball, was ich in die Hände bekommen konnte und hatte das Glück in der Rüsselsheimer Stadtbücherei in den hinteren Regalen auf einige verstaubte Jugendbücher zu stoßen. Und so las ich „3:2“ von Fritz Walter und
“11 Freunde müsst ihr sein“ von Sammy Drechsel. Das letztere Buch spielt zwar in Berlin, aber in einem Kapitel treten die „Störche“, um die es geht, in einem Spiel um die Gruppenmeisterschaft gegen den amtierenden deutschen Fußballmeister Schalke 04 an. Da ist die Rede von Fritz Szepan, Ernst Kuzorra, dem Schalker Kreisel – Namen und Begriffe, die ich von meinem Opa und Vater schon gehört hatte und ich las mit roten Ohren.
Die Kette mit Namen großer Schalker Fußballer lässt sich beliebig lange fortsetzen. Zum Beispiel
Stan Libuda, der eigentlich Reinhard hieß und seinen Spitznamen in Anlehnung an den großen englischen Fußballer Stan Matthews erhielt.“An Gott kommt keiner vorbei“, stand auf einem Plakat, das eine kirchliche Veranstaltung ankündigte. „Außer Libuda.“ Hatte ein Fußballfan ergänzt. So hat’s mir zumindest mein Vater erzählt. Ob es stimmt oder nur gut erfunden ist? Egal. „If the legend become truth print the legend.“ Libuda bekam schon mit 17 Jahren einen Profivertrag bei Schalke, spielte dort von 1961-65, 1968-72 und 1973-1976, bestritt als Rechtsaußen 26 Länderspiele für Deutschland und wurde mit der Nationalmannschaft Dritter bei der WM 1970 in Mexiko. Nach seiner Fußballerkarriere war das Schicksal weniger freundlich zu ihm. Er hatte nichts gelernt außer Fußball, fand keinen Tritt mehr im normalen Leben, trank, erkrankte schwer und starb 1996 mit nur 53 Jahren. Zur Libuda-Zeit gehört auch
Klaus Fichtel– ein Schalker wie „gemalt“. Gelernter Bergmann, Taubenzüchter, Abwehrorganisator. Fichtel ist einer der Rekordspieler der Bundesliga (auf Platz 3 hinter Charly Körbel und Manni Kaltz). Die allermeisten seiner 522 Bundesligaspiele bestritt er (von 1965-1980 und – nach einem Intermezzo bei Werder Bremen – von 1984-88) für die Schalker. Und dann waren da auch noch die Kremers-Zwillinge – Stürmer Erwin und Verteidiger Helmut - , die nicht nur Schalke, sondern mit dem Lied
“Das Mädchen meiner Träume“, auch die Hitparaden eroberten (Hab das Lied noch nie gehört und leider lässt es sich auch in den Untiefen des Internets nicht aufstöbern. Sehr schade). Mannschaftskollege Klaus Fischer (295 Spiele für Schalke von 1970 -1981, 45 Länderspiele) darf man natürlich auch nicht vergessen. Über den und seine
Fallrückzieher – (fast so schön wie der von Christoph Preuss) gibt es eine ganze Palette von Fußball-Literatur gibt. Oder
Rüdiger Abramczik, der legitime Nachfolger von Libuda auf der Rechtsaußenposition, der in Interviews nicht sonderlich durch Intelligenz glänzte und heute – so sagt Wikipedia – mit Peter Neururer und Manni Burgsmüller ein Reisebüro betreibt. Kein Fußballer, aber trotzdem Inbegriff für Schalke ist
Charly Neumann, der im vergangenen Jahr gestorben ist. Was war er eigentlich alles? Jugendtrainer, Mannschaftsbetreuer, Faktotum, Maskottchen, Kult. Kann mich nicht erinnern den Mann jemals anders als im Trainingsanzug gesehen zu haben.
Von den 11 Freunden war schon die Rede, aber wo bleibt die Bratwurst? Hier kommt sie. Sportschau. „Home-Story“ über den Schalker Jungstar Olaf Thon. Thon begrüßt das Fernsehteam im Wohnzimmer seiner Eltern, das ganz im Gelsenkirchener Barock eingerichtet ist. Die Familie sitzt zu dritt um den Esstisch im Wohnzimmer. Es gibt gerade Mittagessen. In der Mitte des Tisches steht eine Servierplatte, auf der sich drei dünne Bratwürstchen verlieren. Mama Thon steht auf, nimmt eine Zange und balanciert Olaf und seinem Papa je ein Würstchen auf die hingehaltenen Teller. Mir unvergesslich. Es war klar zu sehen, dass die Familie Thon an einem ganz normalen Wochentag sicher nicht im Wohnzimmer, sondern in der Küche zu Mittag gegessen hätte. Die Wurst wäre ohne Kamera-Team mit Sicherheit direkt aus der Pfanne auf den Teller gewandert und die Servierzange wurde ganz sicher nur zu ganz besonderen Anlässen hervorgeholt – z.B. wenn das Fernsehen zu Gast war. Diese kleine Szene versöhnt mich heute immer noch, wenn ich den jetzt als Schalker Aufsichtsratsmitglied altklug daherplappernden Olaf Thon im Fernsehen sehe.
Bilanz Schalke – Eintracht
Ja, jetzt muss es aber wirklich erwähnt werden. Das wunderbare 6:0 der Eintracht, am 25.10.2005, im DFB-Pokal gegen Schalke, nur 3 Tage nach einem grandiosen 6:3 Bundesliga-Heimsieg gegen den 1. FC Köln. Dieser Sieg überstrahlt alles, auch wenn die Bundesligabilanz der letzten 10 Jahre nicht ganz so gut aussieht. Von 12 Spielen haben die Schalker sieben gewonnen, vier mal endete die Partie Unentschieden und nur einmal - in der Saison 2003/04 - ging die Eintracht als Sieger vom Platz. Da fungierte Schalkes Trainer Heynckes als
Natur-Doping für Spieler und Fans – die Eintracht (mit Du-Ri, Ama, Schui, Oka, Preuß) siegte mit 3:0. Auch das 2:2 aus dem Hinspiel in der vergangenen Saison ist noch ziemlich gut in Erinnerung – denn eigentlich hätten wir dieses Spiel auch gewonnen, hatten es eigentlich schon gewonnen, wenn da nicht Thurk… und Großmüller…nadw… der Freistoß auf rechts…vergessen wir das!
Schalke vor dem Spiel gegen die Eintracht
Die Saison 2008/2009 ist für Schalke denkbar schlecht gelaufen. Die internationalen Plätze in der Liga sind in weite Ferne gerückt, in der Champions League ausgeschieden, immerhin im DFB-Pokal (Viertelfinale gegen Mainz 05 am Dienstag) noch dabei. Das Unentschieden gegen den verhassten Lokalrivalen Borussia Dortmund am letzten Wochenende war das Tüpfelchen auf dem i. Der Verein hat die Saison zur Übergangssaison erklärt. Und dieses Wort wiederum ist es, das den Schalker Fans endgültig den Rest gibt. „
Es handelt sich um eine Übergangssaison“, resümiert der
Schalker-Königsblog , bevor er seine Bloggertätigkeit erst einmal für eine Woche aussetzt.
„wenn ein Verein seine Ziele aufgegeben hat und das Handeln eher der Planung der Zukunft, statt der Verbesserung der aktuellen Situation dient.“ Sehr schön der Blick auf das offizielle Schalker Mannschaftsfoto der laufenden Saison und die dort zum Ausdruck kommenden sinnvollen Planungen des Vereins:
„Die Gruppe besteht aus 14 Betreuern und 28 Spielern. Von den 28 Spielern wurden 7 verkauft, verschenkt, entlassen oder suspendiert. 2 sind hoffnungsvolle Jungs, die bislang kein Bundesligaspiel absolviert und somit schwerlich als Vollprofis mitgezählt werden können. Bleiben 19 Spieler übrig. Von denen 4 Torhüter sind.“
Das klingt nicht wirklich gut.. Kein Wunder, dass auch im
Schalke Forum die Stimmung vor dem Spiel gegen die Eintracht nicht besonders euphorisiert ist. „Giaa“ ruft
„Uschi-Alarm“ aus, weil „Heiko Westermann“ anlässlich unseres Spiels in Karlsruhe einen Thread eröffnet hat, in dem er fragt, ob
„die Fans (in Frankfurt) aggressiv werden, wenn sie verlieren? Oder sogar vor dem Spiel?“ Den Supportboykott der Ultras kann „Adiemus“
„durchaus verstehen“, „Berghammer“ findet die Logik der Ultras
„nachvollziehbar“, „ta81“ dagegen findet sie
„wie im Kindergarten“ und
„albern“. Sollte nadw wieder ausgepfiffen werden, wird ihn das zusätzlich pushen, meint „United we stand“, der es sowieso
„immer gut findet, gehasst zu werden.“ Pfeifen macht Schalker Spielern sowieso nix, da sie das(so schalker2) sowieso von Heimspielen gewöhnt sind. Und „Thomas“ denkt, dass da ohnehin nicht soviel sein wird mit Pfeifen, weil die Frankfurter
„genug mit sich selbst zu tun haben nach Samstag“ und es in unserem Forum
„voll abgeht“. Wo er recht hat, hat er recht.
Noch ein Blick auf den Thread „Was erwartet ihr von dem Spiel in Frankfurt?“ „stenz2“ erwartet
„gar nix“ und „TimboJimbo“ hat
„ein hab ein ganz mieses gefühl und ich muss ehrlich sagen... ich hab mich die letzten wochen so aufgeregt und jez grad hab ich einfach so das egal gefühl!“ „Matu“ hat „Keine Erwartungen mehr. Warum auch?“ Achim s=4 erwartet in Frankfurt
„viele Bekannte zu treffen“. Hessenschalker hat
„Als leidgeprüfter Schalke-Fan im Hinblick auf Gastspiele bei der Eintraht (0:6), der direkt aus dem Umfeld von Frankfurt kommt, ein ganz schlechtes Gefühl.“ Und „Merlin 04“ prognostiziert:
„Wir führen nach1 0 Minuten durch ein Tor von Kevin 1:0 in Frankfurt. Dann hören wir auf Fußball zu spielen, und versuchen, das Ergebnis über die Zeit zu retten. Frankfurt wird vor der Pause nach 13:0 Ecken und einem Sonntagsschuss den Ausgleich schaffen und durch einen Konter in der 2. HZ das 2:1 schießen.“ So machen wir’s!
Die Eintracht vor dem Spiel gegen Schalke
Angepisst. Zerstritten. Aufgewühlt. Kein Bock. Mulmig. So ungefähr ist die Stimmungslage vor dem Spiel morgen. Ich hab beschlossen, mich trotzdem und gerade jetzt und jetzt erst recht, auf dieses Spiel zu freuen. Jawohl: zu freuen! Libero wird wohl nicht spielen können. Maddin vielleicht. Chris ist wieder dabei. Vielleicht wird FF die Mannschaft mit Caio und Meier auflaufen lassen. Oder auch nicht. Kann sein, dass Kweuke spielt. Oder Ümit. Egal, wer aufläuft – es ist
unsere Mannschaft. Nach dem Sieg in Karlsruhe hat sie jetzt die Chance durch weitere 3 Punkte den Abstand zu den hinteren Plätzen zu vergrößern, den Anschluss nach vorne zu schaffen und in dieser verkorksten Saison doch noch irgendwie die Kurve (haha) zu kriegen.
Wie heißt es im
Spielbericht im Eintracht-Archiv zum 3:0 gegen Schalke in der Saison 2003/04: „ Der Bitte aus der Westkurve:
“Steht auf, wenn ihr Adler seid“ wird von jedem Frankfurter Zuschauer artig nachgekommen.“ „La Ola funktioniert prächtig“ und
„die geschundene Frankfurter Fan-Seele kann sich endlich Luft machen.“ Die Statements nach dem Spiel lauteten:
"Das war unsere bisher beste Partie, wir haben unser Spiel optimal durchbekommen, haben Schalke resignieren lassen, guten Charakter und hundertprozentigen Willen bewiesen. Alles hat gestimmt." (Alex Schur)
"Eine Katastrophe." (Rudi Assauer). Und schließlich Heribert. Unserem Trainer
„ … ist es gelungen, eine Mannschaft zu finden, er hat es geschafft, jeden Spieler nach seinen individuellen Fähigkeiten auf dem Feld richtig zu positionieren. Der Trainer kann stolz sein auf diese Mannschaft."
Genau das, genau so würde ich morgen auch gern sehen und hören.
Sieg!