Kid Klappergass schrieb:Für die neue Saison habe ich mir übrigens auch ein Ziel gesetzt: Ich will die Eintracht nicht an dem Fußball messen, den ich sehen will, sondern an dem, den sie spielen kann.
Da stehst du und die paar Leute, die von der Art und Weise Funkels, Fußball zu lehren, in Frankfurt etwas verstehen, ziemlich allein da. Das hat Funkel bereits selbst erkannt. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Außerhalb Frankfurts sieht das etwas anders aus. Da bekommt Funkel viel Anerkennung.
Die Herren SDB, Südattila und selbst diejenigen, die Funkel noch nicht unbedingt zum Abschuß freigeben, möchten den Funkel'schen Catenacchio aber nicht mehr sehen. Genauso sehen es die meisten Fußballanhänger in Frankfurt. Hierzulande schwärmt man für "schönen" Fußball. Schöner Fußball, der des Deutschen Herz erfreut, das ist nicht die Kunst, einen Gegner
90 Minuten wie ein graziöser und geschickt die ungestümen Angriffe parierender Torrero einen Stier an seinen Hörnern herumzuführen, ihn zu ermüden und ihm schließlich, im Moment seiner letztlichen Resignation den Todesstoß zu geben, sondern die Kunst des Angriffs, des Anrennes und Belagerns der gegnerischen Festung, die Kunst des Stieres, der dickköpfigen, hirnlosen Kampfbestie, die wutschaumschnaubend und kräftezehrend total angreift, bis zum letzten Blutstropfen...
Nicht, weil der funkel'sche Catenacchio ihnen nicht erfolgreich genug ist - schließlich hat er uns bis zum Nürnbergspiel - der taktischen Kehrtwende Funkels zum Offensivfußball, den die Mannschaft - zumindest noch - nicht drauf hat, 42 Punkte eingebracht - sondern, weil er nicht
schön ist. Was den weltweit als Ästheten bekannten Italienern eine Spitzenstellung im internationalen Fußball einbrachte, was den Protagonisten ihres Catenacchio
Nesta, Cannavaro, Materazzi, Zambrotta, Gattuso, Pirlo usw. Weltruhm und astronomische Gehälter brachte, das ist in Deutschland schlechter, unansehnlicher, häßlicher Fußball, feige Fallenstellerei, die die Deutsche Nationalmannschaft in der Vergangenheit ein um's andere Mal zur Verzweiflung brachte. Wolle mer net, uns die Schmach antun, auch noch die Taktik des Spaghetti-Erzrivalen, der die DFB-Elf so oft schon demütigte, zu übernehmen.
Der dunkelhaarige Funkel mit seinem südländischen Äußeren, seinem dunklen Bart, seinem ständigen Auftritt im Azzurri-blauen Trainingsanzug im Herzen Deutschlands, kann den Geschmack des Deutschen Fußballfreundes nicht treffen und provoziert das teutsche Fußballherz auf der Haupttribüne. Jahrelang hat er in Frankfurt seinen Spielern das kompakte Stellungsspiel beigebracht. Sein auf Zerstörung des gegnerischen Angriffsspiels und schnellen Kontern angelegter Fußball führte die Eintracht ins gesicherte Mittelfeld der Liga. Vermutlich hätte er die Eintracht noch weiter in noch höhere Tabellenregionen geführt, wäre da nicht die seitens des fußballverstehenden Aufsichtsrats und seiner sachverständigen Gäste auf der Haupttribüne, sowie dem mit dieser Art des Fußballs unzufriedenen Teil des restlichen Publikums lange ersehnte und mit aller Macht geforderte Änderung der Taktik hin zur Offensive vollzogen worden. Funkel kann sein defensives Konzept in Frankfurt
nicht länger halten. Es wird trotz der Erfolge nicht angenommen. Die jahrelange Lehrzeit bei Funkel, in der er die Eintracht zu einer kompakten Einheit formte, die die Spitzenmannschaften der Bundesliga regelmäßig das Fürchten lehrte, neigt sich nach dem Willen des angriffslustigen Deutschen Fußballherzens dem Ende zu.
Die Folgen hiervon sind erst einmal fatal. 7 sieglose Spiele stehen seit der Änderung der Taktik auf dem Konto. Die Protagonisten der Mannschaft der Eintracht sind ja schließlich zur Erfüllung des defensiven Konzepts Funkels eingekauft und jahrelang von ihm ausgebildet worden. Mit Angriffsfußball nach dem teutonischen Geschmack seiner Kritiker auf der Haupttribüne und der Funkelgegner im Forum hat die Mannschaft Funkels wenig Erfahrung. Funkel selbst hat sie wohl auch nicht. Man darf also gespannt sein, ob diese defensiv ausgerichtete und ausgebildete Mannschaft in der nächsten Saison mit "schönem" Offensivfußball überhaupt den Klassenerhalt schafft und zwar mit oder ohne Funkel. Der "schöne" Offensivfußball erfordert eine dazu taugliche Mannschaft und entsprechendes Personal. Personal, welches die Eintracht nicht hat. Ich will jetzt als Beispiel nur die Abwehr anführen: Der Posten des linken Offensivverteidigers ist mit einem Spycher besetzt, der zwar hinten stets seinen Mann stand, aber in der Offensive und in der dieser folgenden Rückwärtsbewegung wegen seiner fehlenden Schnelligkeit Probleme hat, die in den letzten Spielen seit der prinzipiellen taktischen Kehrtwende Funkels immer wieder für Lücken auf seiner linken Seite und zu Gegentoren führten. Kyrgiakos hat in Stuttgart schon gezeigt, wie es aussieht, wenn man mit schnellen Spielern wie Bastürk das vorher nicht so weite Aufrücken der Abwehr nach vorne ausnutzt und ihn im Laufduell in der Rückwärtsbewegung fordert, von seinen Mängeln im Spielaufbau mal ganz zu schweigen. Auch der ansonsten schnelle Konterverteidiger Ochs bekommt Probleme auf hinten rechts, wenn er, wie in den letzten Spielen, sich in wirklich jeden der vermehrten Angriffe bis zur Grundlinie des Gegners einschalten muß.
Ich habe meine Zweifel, daß die Eintracht die Probleme, die sich mit der Umstellung zu einer offensiven Spielweise ergeben, in einer Weise in den Griff bekommt, der die Erwartungen des ungeduldigen Umfelds nach einem Eingriff in die Phalanx des oberen Drittels der Bundesliga befriedigt. Ich halte diesen Weg für falsch, abgesehen davon, daß ich den mir persönlich sympathischen Catenacchio des, gemessen an den Kosten erfolgreicher deutscher Offensivfußballmannschaften, wie z.B. Werder, finanziellen Underdogs Eintracht Frankfurt mochte. Denn der Frankfurter Catenacchio war bisher nicht nur effektiv, sondern auch günstiger, als es der "schöne" Offensivfußball sein wird.