Müssen wir uns schon wieder alle selbst geißeln?
Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen, das habe ich am diesem Tage gefühlt.
Ich bin auch teilweise Mitschuld, da ich einer der größten Fußballsünden getätigt
habe."
Das Meister T-Shirt schon am Sportfeld vor der Abfahrt gekauft und getragen."
Es war auch ein Journalist der Sonntagszeitung bei der Abfahrt dabei, er fragte ob er uns begleiten und Interviewen könnte.
Unter der Vorfreude der kommenden Meisterschaft und einer schier unglaublichen Arroganz unsererseits, stimmte ich unter der folgernden Bedingung zu.
OK! Du schreibst aber im ersten Satz, das ich ein angehender Rockstar bin".
Am Sonntag Mittag in Frankfurt angekommen und die Sonntagszeitung gekauft, es huschte das erste mal wieder ein Lächeln auf meinen Mund.
Vielleicht erkennt sich auch der ein oder andere Alte Sack hier noch und an seine Aussagen von damals, es werden einige Fans zitiert.
Also, viel Spaß und viel Leiden mit der Vergangenheit.
(Habe den Text schnell runtergetippt, sorry für evtl. Rechtschreibefehler)
Die Sonntagszeitung vom 17.05.1992, der Tag nach dem Desaster
„Da fahr’ ich altes Kamel bis nach Rostock mit“
Im Stadion nur Verlierer/ Vom vergeblichen Einsatz der Eintracht-Fans berichtet Walter Wille
Frankfurt/Rostock. Danny aus Rödelheim, der „angehende Rockstar“ von den Finsterlingen hatte gesagt:
„Wenn die verlieren, werden bei mir zum ersten mal seit Jahren die Tränen fließen“
Herbert 48 hatte beschwörend gesprochen: „Da fahr ich altes Kamel bis nach Rostock mit. Wenn die es nicht schaffen, geb ich mir die Kugel“
Solches Unheil ist hoffentlich ausgeblieben. Einer immerhin konnte gestern aufatmen- der Chef von Joachim aus den Gallusviertel.
Joachim hatte nämlich schon angekündigt: “Wird Frankfurt Meister komme ich Montag, Dienstag ,Mittwoch nicht. ich muß feiern.“ Die Feier fällt aus.
Oh ja, wir hätten sie uns verdient gehabt, die Deutsche Fußballmeisterschaft. Eine Lange Nacht, ein langer Tag, noch eine lange Nacht, um diese 90 Minuten mitzuerleben. Neun Stunden im rumpelnden Sonderzug von Bahnhof Sportfeld an die Ostseeküste, von Mitternacht bis Samstagmorgen.
Irgend jemand hat immer gerade gegrölt:“ Deutscher Meister wird nur die SGE“
Keiner hat sich daran gestört, alle haben es geglaubt. Das Vorhaben, ein bißchen zu schlafen, haben wir schnell fallengelassen und die leeren Bierdosen sind durch die Gänge gerollt.
Wenn Manni Binz, der Uwe und der Ulliiii uns gesehen hätten, vielleicht hätten sie uns das erspart. Wie wir letzte Woche im Eintracht- Shop für das Bahnticket, samt Eintrittskarte (126,50 DM) Schlange gestanden haben.
Wie wir schon bei der Abfahrt die “Welle“ geprobt haben. Wie wir im Zug „durchgemacht“. Wie wir am Samstag stundenlang durch Rostock gezogen sind – ungewaschen, unrasiert, unglaublich siegessicher.
Und wie wir auch nach dem 0:1 nicht den Glauben verloren und uns nach Kruses Ausgleichsstreffer in den Armen gelegen haben, auf der Tribune des Ostseestadions. Wir haben gesungen: „oh, du wunderschöne SGE, du sollst ewig Deutscher Meister sein“, Erbarmen, zu spät, die Hesse kommen“, und, natürlich, „Deutscher Meister wird nur die.....“.
Alles nicht sehr originell, aber bewährt. Und alle waren dabei. Die vom Fanclub „Black&White“, die Fanclubs aus Bockenheim und Raunheim, die „Eagles“, die „Adlerfront“, Pärchen, ganze Familien, der Vater mit seiner Tochter. „Mercedes-Günter“ auch. Er hat Freitagmorgen noch eine Extraschicht gemacht, der zusätzlichen „Kohle“ wegen. Günter, 46, Nordendler, Dauerkartenbesitzer für´s Waldstation, bei jedem zweiten Auswärtsspiel dabei, verdient sich das Geld für die Eintracht, neben der Arbeit im Autohaus, mit einem Zweitjob bei der Messe.
Danny hatte gesagt: „Einmal im Leben willst du sowas mitmachen. Diese Meisterschaft ist auch eine Meisterschaft für uns, die Fans.“ Wäre gewesen, müßte er nun sagen. Viele waren bereits im T-Shirt angereist, das die Eintracht als neuen Titelträger pries. Andrej, 23, aus Bergen-Enkheim hatte sich sogar schon eine Meisterschale gebastelt. „Hier ist der harte Kern der Fans dabei“, hatte Jörg aus Praunheim festgestellt. „Die echten Jungs.“Unterwegs im Zug, Samstag früh, so um halb zwei, haben die Treuen beim Zwischenstopp in Fulda noch in die sternenklare Nacht gerufen: „Deutscher Meister wird....“Im Morgengrauen haben sie die braven Bürger von Büchen geweckt. Um diese Zeit herum muß auch das Zugfenster zu Bruch gegangen sein. Und dann das Unfassbare. Nach 90 Minuten wie im Tollhaus, um Viertel nach fünf, blankes Entsetzen, völlige Sprachlosigkeit. Einzeln oder in Gruppen sitzen Hunderte minutenlang still in der Fankurve. Junge Burschen, gestandene Männer kämpfen vergeblich gegen Tränen an. Bei manchen entlädt sich die Wut schließlich in Beschimpfungen gegen den Schiedsrichter, die Polizei- und die Grenzschutzbeamten. Derweil die Nachricht, dass den Rostockern der Sieg im Kampf gegen den Abstieg auch nichts mehr genutzt hat. Eine Arena voller Verlierer. Noch eine Stunde später sitzt ein junges Mädchen mit Eintracht-Schal weinend in der Ecke. Wir werden uns den Weg zur sogenannten Abschlußfeier am Sonntag auf dem Römerberg sparen. Lieber ausschlafen.
Wir hätten einmal sagen können: Damals, 1992, als die Eintracht Meister wurde, waren wir dabei. Es wäre zu schön gewesen.
Und zum Rockstar, hats ach net gerreicht!
Gruß
Finsterling