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Erschienen am Montag, dem 13.02.2006 in Frankfurter Rundschau
VON INGO DURSTEWITZ UND THOMAS KILCHENSTEIN
Nach einem ziemlich merkwürdigen Fußballspiel in Frankfurt, das deshalb ziemlich merkwürdig war, weil eine Mannschaft gewann, die nie und nimmer hätte gewinnen dürfen, übten sich die Trainer von Hannover 96 und Eintracht Frankfurt im schnörkellosen Doppelpass. Peter Neururer, 50, und Friedhelm Funkel, 52, referierten im Nachklapp dieses ganz und gar grausigen Bundesligaspiels mit Emphase über die Formel Glück, und die Fußballlehrer gewannen eine offenbar allgemein gültige Erkenntnis. "Dieser Sieg gehört zu den glücklichsten meiner Karriere", folgerte Neururer, Pendant Funkel drehte den Spieß einfach um: "Das ist eine der unglücklichsten Niederlagen meiner Karriere." Triumphator und Geschlagener - in einträchtiger Analyse, nur mit umgekehrten Vorzeichen.
In der Tat muss die Fußballmannschaft aus Niedersachsen einen Pakt mit Fortuna geschlossen haben, denn wer während einer 92 Minuten währenden Partie nur ein einziges Mal aufs Tor schießt, der tütet nur in den seltensten Fällen drei Punkte ein. "Ich habe es nur selten erlebt, dass eine Mannschaft ohne eine einzige Torchance ein Spiel gewinnt", stellte Funkel verblüfft fest. Hannover 96, seit Amtsantritt von Neururer unbesiegt (immerhin neun Spiele), hat dieses Kunststück mit gruseligem Minimalisten-Fußball geschafft. Gratulation. Chavdar Yankov, der schon im Hinspiel mit einem erlittenen Penisriss für Schlagzeilen sorgte, erzielte nach 78 Spielminuten mit einem fulminanten Rechtsschuss aus 25 Metern in den Winkel des Frankfurter Gehäuses das goldene Tor. "Tor des Monats", frohlockte Neururer, "Glücksschuss", widersprach Funkel, "Sonntagsschuss am Samstag", lamentierte Christoph Preuß. Es war, dies zur Klarstellung, ein wunderbarer Treffer, der die Eintracht ins Herz traf.
Denn die Platzherren waren vor der Minuskulisse von 26 000 Zuschauern schlicht und einfach nicht in der Lage, das Bollwerk der Gäste zu knacken. Die Hessen spielten ordentlichen Fußball, ungezwungen, aber mitunter zu verspielt, sie erkämpften sich Spielanteile, die Funkel mit (wohl eher gefühlten) 70 Prozent bezifferte (in Wahrheit waren es 52 Prozent). Aber sie waren nicht zwingend genug, um gegen die kompakt stehende und sehr gut positionierte Innenverteidigung der "Roten" mit Vinicius und Dariusz Zuraw zum Erfolg zu kommen. "Die Entschlossenheit hat gefehlt", klagte Kapitän Jermaine Jones. "In den letzten Spielen waren wir immer heiß darauf, ein Tor zu erzielen. Das war gegen Hannover anders."
Missratene Vorstellung von Cha
So blieb es gegen die erschreckend schwachen Niedersachsen bei den wenigen, nicht mal hochkarätigen Möglichkeiten der Frankfurter: Francisco Copado versuchte es einmal mit der Hacke (14.), einmal verstolperte er in aussichtsreicher Position (42.), und nach dem Wechsel holte 96-Keeper Robert Enke mit einer Glanztat seinen raffiniert gezwirbelten Freistoß aus dem kurzen Eck (54.). Das aber war es mit der Eintracht-Herrlichkeit in Tornähe. Wenn Funkel sagt, Enke habe "zwei-, dreimal Weltklasse pariert", dann hat er diese Sicht der Dinge mit Sicherheit exklusiv.
Ohnehin ist den Eintracht-Verantwortlichen in der Bewertung des niveauarmen Spiels eine gewisse Verkennung der Tatsachen - oder kalkulierte Schönfärberei - nicht abzusprechen. Vorstandschef Heribert Bruchhagen will eine in der ersten Halbzeit "aufopferungsvoll und sehr gut" spielende Eintracht-Elf gesehen haben, und der Coach mochte seinen Eleven überhaupt keinen Vorwurf machen. "Im Grunde gibt es nichts zu kritisieren."
Funkel selbst lag jedoch dieses Mal mit seiner Aufstellung falsch. Die Überlegung, Du-Ri Cha für den in der Innenverteidigung um Klassen besser spielenden Marko Rehmer als rechten Verteidiger aufzubieten, mag stimmig und durchdacht gewesen sein, der Schachzug ging allerdings nicht auf. Im Gegenteil: Er muss als missraten interpretiert werden. Das lag ausschließlich an Cha, der, man muss es so hart sagen, nur noch als Schatten seiner selbst bezeichnet werden kann. Ohne Zutrauen und Selbstbewusstsein, dafür mit bis unters Dach zu spürender Angst ging der Südkoreaner zu Werke.
Gegen Hannover spielte er so gut wie jeden Ball die Linie entlang nach vorne - zu 80 Prozent in die Füße des Gegners. Trainer Funkel muss sich ankreiden lassen, bis zur 81. Minuten gewartet zu haben, ehe er den völlig verunsicherten und sich versteckenden Cha erlöst hat. "Er hat defensiv ganz gut gestanden, aber ich hatte mir im Spiel nach vorne etwas mehr erhofft", urteilte Funkel milde über den sensiblen Asiaten, den er noch vor wenigen Wochen in den höchsten Tönen gelobt und den platzenden Knoten prophezeit hatte. Zurzeit scheint das Rätsel Cha eher verworren wie der Gordische Knoten.
Balitsch schämt sich
Trotz des verpassten Schritts in Richtung des rettenden Ufers, herrscht im Eintracht-Lager weiter Optimismus. "Wenn wir so weiterspielen, werden wir unser Ziel erreichen", sagte Bruchhagen. Und es werden nicht immer Gegner nach Frankfurt kommen, die sich eines Sieges schämen müssen. Das nämlich tat der Hannoveraner Mittelfeldspieler Hanno Balitsch. Trainer Neururer kommentierte gewohnt trocken: "Das liegt an seiner Herkunft: Er ist Hesse."
Quelle: Frankfurter Rundschau, mehr unter http://www.fr-online.de/
| TD | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|
| 1 | Bayern | 31 | 56 | |
| 2 | Schalke | 22 | 54 | |
| 3 | Leverkusen | 31 | 53 | |
| 4 | Dortmund | 10 | 45 | |
| 5 | Hamburg | 16 | 43 | |
| 6 | Bremen | 20 | 42 | |
| 7 | Mainz | -3 | 38 | |
| 8 | Wolfsburg | 3 | 37 | |
| 9 | Stuttgart | 2 | 35 | |
| 10 | Eintracht | -5 | 35 | |
| 11 | Hoffenheim | 3 | 32 | |
| 12 | M'Gladbach | -12 | 30 | |
| 13 | Köln | -11 | 27 | |
| 14 | Bochum | -19 | 27 | |
| 15 | Nürnberg | -19 | 24 | |
| 16 | Hannover | -19 | 23 | |
| 17 | Freiburg | -25 | 20 | |
| 18 | Berlin | -25 | 15 | |